Masse_statt_Klasse_Bildungsbericht_2014b

Masse statt Klasse beim Kita-Ausbau

Bildungsbericht bestätigt Kritiker und sieht dennoch keinen Anlaß zur Beunruhigung

/ Frühpädagogen widersprechen

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HBF-AKTUELL Tübingen 23. Juni 2014, erstellt 18:53 Uhr, Stand 21:15 Uhr

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Bei der „frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung“ seien „im Zuge des quantitativen Ausbaus Fragen der Qualität weitgehend offen geblieben“, stellt die Autorengruppe des neuesten Bildungsberichts fest (HPL) – und bestätigt damit frühe Kritiker/innen der 2008 gestarteten „Kita-Offensive“ (vgl. z.B. HBF 12.10.2007). Dennoch sehen die Regierungsberater offensichtlich keinen Anlaß zu größerer Beunruhigung und raschen Gegenmaßen der Politik. So habe etwa die „Anzahl des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen seit 2006 um 40% zugenommen“; zudem seien weder in West- noch in Ostdeutschland flächendeckende Dequalifizierungstendenzen hinsichtlich der Ausbildungsabschlüsse des pädagogischen Personals beobachtbar.“ (HPL).

Tatsächlich lassen die vorgelegten Zahlen (HPL) auch andere Deutungen zu (HPL). Darüber hinaus berichten Praktikerinnen (HPL) von wenig optimistisch stimmenden Erfahrungen und ein führender Kindheitsforscher erwartet gesellschaftliche Langzeitfolgen (HPL), die tatsächlich (noch) nicht am Ende dieser Legislaturperiode zu verbuchen sein dürften.

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HBF-VOLLTEXT

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Bei der „frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung“ seien „im Zuge des quantitativen Ausbaus Fragen der Qualität weitgehend offen geblieben“, stellt die Autorengruppe des neuesten Bildungsberichts fest:

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Presse-Hintergrundinformationen der Autorengruppe Bildungsberichterstattung zum Bildungsbericht 2014, 16. Juni 2014

 

Das deutsche Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand: Wichtige Ergebnisse des Bildungsberichts 2014 und ihre politische Relevanz

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Zentrale politische Herausforderungen

(…)

Ein erstes Handlungsfeld stellt die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung dar. Im Zuge des quantitativen Ausbaus sind Fragen der Qualität weitgehend offen geblieben, etwa die nach einem kind- und altersgerechten Personalschlüssel oder die nach der für die Förderung der Kinder am besten geeigneten Altersstruktur in den Gruppen. (…)

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Das bestätigt frühe Kritiker/innen der 2008 gestarteten „Kita-Offensive“ (vgl. z.B. HBF 12.10.2007). Dennoch sehen die Regierungsberater offensichtlich keinen Anlaß zu größerer Beunruhigung und raschen Gegenmaßen der Politik.

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Das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen, das gruppenübergreifend oder in Gruppen mit Kindern vor dem Schuleintritt arbeitet, hat im Jahr 2013 mit rund 444.200 Beschäftigten einen neuen Höchststand erreicht (Abb. C4-1, Tab. C4-1A, Tab. C4-6web). Seit 2006 ist diese Zahl um 40% gestiegen.

(aus: Bildungsbericht 2014. S. 57)

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und:

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Bislang keine flächendeckenden Dequalifizierungstendenzen in Kindertageseinrichtungen im Zuge des U3-Ausbaus

(…) Die Steigerung der Ausbildungskapazitäten dürfte ein entscheidender Grund dafür sein, dass bis zum Frühjahr 2013 – mit Ausnahme einzelner Länder – weder in West- noch in Ostdeutschland flächendeckende Dequalifizierungstendenzen hinsichtlich der Ausbildungsabschlüsse des pädagogischen Personals deutlich werden (Tab. C4-4A, Tab. C4-13web).

(aus: Bildungsbericht 2014. S. 59)

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Tatsächlich lassen die vorgelegten Zahlen auch andere Deutungen zu. So hat zwar die „Anzahl des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen seit 2006 um 40% zugenommen“, aber zwischen 2006 und 2013 ist die Zahl der „Krippen“-Kinder von 285.000 (2006) auf 596.289 (2013) um 109% gestiegen.

Zudem ist beim „Schlußspurt“ zur gesetzlich angepeilten „Krippen“-Quote für den Rechtsanspruch auf einen U3-Kita-Platz ab dem 1. August 2013 der Anteil der Erzieherinnen am pädagogischen Personal zwischen 2011 und 2013 erkennbar gesunken – von 71,4% auf 69,9%. Im Gegenzug ist die Zahl von Absolventen mit „anderen Abschlüsssen“ und vor allem das Personal „Ohne Ausbildung/noch in Ausbildung“ gestiegen (Tabellen bei HBF-Premium)…

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Darüber hinaus berichten Praktikerinnen von wenig optimistisch stimmenden Erfahrungen in den Krippen:

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erziehungskunst.de, Waldorfpädagogik heute, Februar 2014

MACHEN KRIPPEN AGGRESSIV?

In Krippen betreute Kinder leiden unter massiven Stressbelastungen, behauptet Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bethel. Die Erhöhung des »Stresshormons Cortisol« entspreche den Werten hochbelasteter Topmanager.

Von Claudia Grah-Wittich,

Claudia Grah-Wittich vom »Haus des Kindes« in Frankfurt-Niederursel setzt dem Stress eine gute Betreuung entgegen.

(….)

Dass Eltern eine freie Wahlmöglichkeit haben, ist nicht nur politisch wichtig, sondern auch angemessen. Betreuungseinrichtungen sind aus der modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und werden es auch künftig nicht sein. Die vielfältigen Erfahrungen von Erzieherinnen und die Forschungen zum Cortisolspiegel machen jedoch darauf aufmerksam, dass die Bedingungen für Kinder in vielen Einrichtungen heute nicht optimal sind und sich aufgrund des schon jetzt wieder spürbaren Finanzdruckes eher verschlechtern werden. Seit ich mich hospitierend als Beraterin durch die Landschaft der privaten und städtischen Träger bewege, stelle ich fest, dass der Würde des Kindes in vielen Fällen nicht Rechnung getragen wird. Auch der Verlust natürlicher Erziehungsinstinkte und des elterlichen Erfahrungswissens bedroht die Gesundheit der Kinder. Wie vereinbaren wir also als Eltern und Familien unseren Erziehungsauftrag mit unserem Beruf, ohne den Kindern Schaden zuzufügen? (….)

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Zur Autorin: Claudia Grah-Wittich ist Diplom-Sozialarbeiterin und in der Frühforderung am »hof« in Frankfurt-Niederursel tätig. Mitverantwortlich für die Weiterbildung: »Eltern beraten – Kinder neu sehen lernen« (www.der-hof.de). Eine neuer Kurs beginnt im November 2014.

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Frankfurter Rundschau, 16.04.14 Frankfurt

Kita „Martin Niemöller“

Kita in der Kritik

Die Eltern der Kindertagesstätte „Martin Niemöller“ im Frankfurter Stadtteil Riedberg beschweren sich über unhaltbare Zustände: Kleinkinder würden in der Einrichtung angeschrieen, bekämen nichts zu trinken. Der Kita-Träger gelobt Besserung und beklagt den Fachkräftemangel.

Von Denis Hubert

(….) Müller hat vor drei Wochen in der Einrichtung hospitiert und sich selbst ein Bild von der Lage gemacht. Seine Mängelliste ist lang: Erzieher ließen Kinder mit Messer und Gabel alleine, das Eingangstor stehe offen, Kinder bekämen nichts zu trinken, würden angeschrien und nicht rechtzeitig gewickelt.

Unterstützt wird Müller von Elternbeirat Michael Neuberger, dessen zweieinhalbjährige Tochter die Krabbelstube besucht: Ein hoher Krankenstand führe zu einer ständigen Unterversorgung, berichtet er. Bei einem außerordentlichen Elternabend der Krabbelstube in der vergangenen Woche hätten zwei Mitarbeiter angefangen zu weinen und sich über die schlechten Verhältnisse beklagt.

Die Kinderbeauftragte für den Riedberg hat von dem Problem noch nicht erfahren: „Ich höre das erste Mal davon“, sagt Manuela Roll, die die Einrichtung als „nett und kooperativ“ kennengelernt hat. (….)

Der Träger der Einrichtung räumt begangene Fehler ein: „Ich kann den Einwand der Eltern verstehen. Die Zerwürfnisse waren heftig“, sagt der Leiter des Arbeitsbereichs Kindertagesstätten des Diakonischen Werks Frankfurt, Kurt-Helmuth Eimuth. Er gibt zu: „Es sind Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen. (…)

Ein Grund für die missliche Lage sei die dünne Personaldecke. Zwölf Erzieher arbeiten derzeit in der Einrichtung. „Wir bräuchten eigentlich mehr“, sagt Eimuth. „Wir haben neue Stellen ausgeschrieben. Das Problem ist, diese zu besetzen. Der Markt ist leer.“ Der Fachkräftemangel werde in Frankfurt die nächsten zehn Jahre anhalten. Auch der hohe Krankenstand sei nicht unüblich in der Branche: „Man kann allgemein feststellen, dass junge Erzieher sehr häufig mit Infektionskrankheiten zu tun haben“ sagt Eimuth. (…)

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Siehe dazu auch:

Kritik einer Kita-Aussteigerin, die als Erzieherin die Verhältnisse in ihrer Krippe nicht mehr verantworten konnte – in: TV-Reportage (HBF-Premium)

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Und Karl-Heinz Brisch, einer der weltweit führenden Bindungsforscher (Süddeutsche Zeitung 21.06.14), erwartet gesellschaftliche Langzeitfolgen durch die politsch verschuldete Qualitätsmisere in vielen bundesdeutschen Krippen (vgl. dazu die Ergebnisse der bundesweiten NUBBEK-Studie, die lediglich 3 % der Krippen „ein gutes bis ausgezeichnetes Niveau“ attestierte – in: HBF 27.04.12):

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 21.06.2014

„Da kommt eine Lawine auf uns zu“

KARL HEINZ BRISCH warnt vor den Folgen einer Politik, die aus Kostengründen ignoriert, was Kinder in Krippen, Kitas und Schulen wirklich brauchen. Der Psychiater und Oberarzt am Haunerschen Kinderspital in München forscht seit 20 Jahren über den Wert enger und sicherer Beziehungen für die menschliche Entwicklung

(….)

KARL HEINZ BRISCH: Wenn nur zwei Erzieherinnen für zwölf Kinder im Alter zwischen null und drei Jahren da sind – in manchen Bundesländern sind es sogar nur zwei für 14 oder gar 18 Kinder – können Kinder kaum so feinfühlig gesehen und in ihren Bedürfnissen verstanden werden, wie es nötig wäre. Sie werden zwar versorgt, aber der emotionale Wachstumsprozess, der auch für die Entwicklung der Bindungssicherheit wichtig ist, wird so nicht funktionieren.

SZ: Welchen Betreuungsschlüssel schlagen Sie vor?

KARL HEINZ BRISCH: Von vielen Studien wissen wir: Wenn die Kinder sehr klein sind, etwa im Säuglingsalter, wäre ein Schlüssel von eins zu zwei gut. (…..) das müssten wir anstreben. Da kommen wir nicht dran vorbei. In 20, 30 Jahren werden wir bedauern, wie es den Gehirnen unserer Kinder geht. Die Frage der Beziehungsfähigkeit wird ja ganz schnell zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage: wenn die Menschen nicht mehr gesellschaftsfähig sind, keine dauerhaften Partnerschaften mehr eingehen oder sich nicht mehr emotional ausreichend auf Kinder einlassen können, geschweige denn empathisch erziehen. Die Gesellschaft entscheidet an dieser frühen Stelle, wo es auf die nächsten hundert Jahre gesehen lang geht. (….)

Heute schon sind etwa 20 bis 25 Prozent der Grundschulkinder auffällig und haben so viele Symptome, dass sie eigentlich Unterstützung bräuchten. Wenn noch mehr Kinder dazu kommen, stellt sich die Frage, wie wir unter solchen Bedingungen noch unterrichten können. (…) Wenn Sie von 25 Kindern fünf oder sechs haben, die höchst schwierig sind, haben Sie als Lehrer größte Probleme. (….) Man kann sie therapieren, das ist nur viel, viel mühsamer und aufwendiger – auch finanziell–, als wenn wir das in der frühen Zeit gut auf den Weg gebracht hätten. (…)

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Siehe dazu auch:

„Frühe Bildung“ in der Krippe – ein Trend mit Folgen. – Kritische TV-Reportage (HBF-Premium)

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Diese Fakten sind der Politik durchaus bekannt – genauso wie das politisch maßgeblichere Datum der nächsten Bundestagswahl (…)

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Zum Thema siehe auch:

   

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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