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Bertelsmann Stiftung:

Eltern brauchen Ganztagsschulen – Kinder auch?

/ Hochkarätige Expertise verweist auf andere Prioritäten / Wirtschaft bestätigt Erkenntnisse

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HBF-AKTUELL Tübingen 04. Juli 2014, erstellt 19:43 Uhr, Stand 22:03 Uhr

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Der Ausbau der Ganztagsschulen verlangsamt sich! – warnt die Bertelsmann Stiftung in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme (HPL). Derzeit fehlten rund 2,8 Millionen Ganztagsplätze, um der Nachfrage von Eltern zu genügen. Damit bleibe ein großes Potential zur Förderung von Kindern und der Chancengerechtigkeit ungenutzt (HPL). Deshalb wiederholt die Stiftung ihre bekannte Forderung (vgl. zuletzt HBF-Infodienst 2013) nach einem flächendeckenden Ausbau verpflichtender Ganztagsschulen und der milliardenschweren Finanzierung dafür (HPL).

Allerdings bestätigen selbst die Zahlen der Bertelsmänner Zweifel am vermeintlichen Patenrezept „Mehr (echte) Ganztagsschulen = bessere Bildung“ (HPL). Darüber hinaus sind für den Erfolg in der Bildung wie im persönlichen Leben von Kindern ganz andere Stellschrauben ungleich wichtiger, wie die soeben vorgelegte Expertise eines hochkarätigen Wissenschaftsgremiums faktenreich verdeutlicht (HPL). Dieser Einschätzung kann die Wirtschaft dank einschlägiger Erfahrungen nur vorbehaltlos zustimmen (HPL). An diesem Handlungsfeld haben jedoch weder die tonangebenden Experten noch die Politik bislang größeres Interesse.

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HBF-VOLLTEXT

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Der Ausbau der Ganztagsschulen verlangsamt sich! – warnt die Bertelsmann Stiftung in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme. Derzeit fehlten rund 2,8 Millionen Ganztagsplätze, um der Nachfrage von Eltern zu genügen:

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Ganztagsschulen / Elternwunsch nach freiwilligem oder verpflichtendem Angebot - HBF-Daten         Zur überraschenden Rolle von Erwerbsumfang und Wunsch nach der Ganztagsschule:

Ganztagsschulen / Elternwunsch nach freiwilligem oder verpflichtendem Angebot / in Abhängigkeit von der Erwerbstätigkeit - HBF-Daten

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Damit bleibe ein großes Potential zur Förderung von Kindern und der Chancengerechtigkeit ungenutzt. Deshalb wiederholt die Stiftung ihre bekannte Forderung (vgl. zuletzt HBF-Infodienst 05.08.13) nach einem flächendeckenden Ausbau verpflichtender Ganztagsschulen und der milliardenschweren Finanzierung dafür:

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Allerdings bestätigen selbst die Zahlen der Bertelsmänner Zweifel am vermeintlichen Patenrezept „Mehr (echte) Ganztagsschulen = bessere Bildung“. So erzielen Baden-Württemberg und Bayern in Bildungsvergleichen stets Spitzenwerte – obwohl sie bislang das bundesweit geringste Angebot an Ganztagsschulen bieten:

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Darüber hinaus sind für den Erfolg in der Bildung wie im persönlichen Leben von Kindern ganz andere Stellschrauben ungleich wichtiger, wie die soeben vorgelegte Expertise eines hochkarätigen Wissenschaftsgremiums faktenreich verdeutlicht. In ihrer gestrigen Stellungnahme „Frühkindliche Sozialisation“ bestätigen die Spitzenforscher der Nationalakademie Leopoldina und weitere Wissenschaftsakademien nicht nur die lebensprägende Phase der frühen Kindheit….:

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Die Forschung aus Biologie, Psychologie, Soziologie und Ökonomie der letzten 50 Jahre hat gezeigt, dass insbesondere während der frühkindlichen Sozialisation die „Weichen“ für den gesamten weiteren Lebensweg gestellt werden. In den ersten Lebensjahren gibt es Zeitfenster, in denen bestimmte Umwelteinflüsse wirksam werden müssen, damit sich Funktionen adäquat herausbilden können. (….)

In der frühen Kindheit gibt es kritische und sensible Phasen, in denen zwingend bestimmte Umwelterfahrungen gemacht werden müssen. Nur dann können sich wichtige Strukturen des Nervensystems und die daran gekoppelten Verhaltensweisen in voller Ausprägung entwickeln. Werden diese kritischen Phasen nicht mit den erforderlichen Umwelteinflüssen „bedient“, so bleibt die neuronale Entwicklung unvollständig und bestimmte Verhaltensweisen können gar nicht oder nur mit Einschränkungen erworben werden.

Diese Defizite sind irreversibel. Sie bleiben ein Leben lang bestehen und können auch durch ein intensives Training in späteren Lebensphasen selten vollständig, manchmal gar nicht mehr ausgeglichen werden.

Aus der Lebensverlaufsperspektive ist es daher besonders sinnvoll, Bildungsinvestitionen für die frühe Kindheit bereitzustellen. (…)

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(aus: Stellungnahme „Frühkindliche Sozialisation“. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina | www.leopoldina.org acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften | www.acatech.de Union der deutschen Akademien der Wissenschaften | www.akademienunion.de. Juli 2014 – Die Stellungnahme HIER als pdf-Datei,  S. 4, S. 8)

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…., sondern heben die Entwicklung emotionaler Stabilität als Grundvoraussetzung zur Entfaltung des gesamten kognitiven und sozialen Potentials eines Menschen hervor und damit für seinen späteren Erfolg in der Schule, im Beruf und im Privatleben:

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Selbstregulation im Sinne von Impuls-, Selbst- und Verhaltenskontrolle oder Selbstdisziplin gehört zu den nachweislich relevanten und prognostisch validen Kompetenzen für den längerfristigen Entwicklungs- und Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. (….)

Selbstregulation ist nicht nur relevant für die Steuerung des emotionalen und sozialen Verhaltens, sondern sie ist auch eine wichtige Voraussetzung für langfristigen Schulerfolg. Kinder und Jugendliche, die ihre Emotionen so regulieren können, dass dies den sozialen Anforderungen entspricht, erweisen sich nicht nur als sozial kompetenter und beliebter, sie zeigen oftmals auch bessere kognitive Leistungen.(….)

(….)

In Längsschnittstudien wurde wiederholt nachgewiesen, dass erfolgreiche Selbstregulation in der Kindheit für den späteren Bildungserfolg von großer Bedeutung ist, ebenso für Gesundheits- und Risikoverhalten in der weiteren Lebensspanne.

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(aus: ebda. S. 65f, S. 68)

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Diese zentrale Fähigkeit zur Selbstregulation entstehe nur durch den Aufbau einer sicheren Bindung i.d.R. zu den Eltern:

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Entscheidend für die Entwicklung sozial-emotionaler und motivatio-nal-volitionaler Kompetenzen ist die Ausbildung einer sicheren Bindung an Bezugspersonen in der frühen Kindheit. In der Regel sind dies die Eltern in einem stabilen Familienverband.

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(aus: ebda. S. 71)

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Die Spitzenforscher nennen zudem ein (plausibles) Kriterium, an dem sich nicht nur der persönliche Reifegrad eines Kleinkindes messen läßt; es dürfte auch als Entscheidungshilfe für die Nutzung von unterstützender Fremdbetreuung sehr hilfreich sein:

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Das Selbstkonzept gilt als ein zentrales, hinreichend stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das sich aufgrund der jeweiligen Bindungsmuster entwickelt und in vielen Lebensbereichen (z.B. in Leistungssituationen) das Verhalten bestimmt. Ein frühes Anzeichen für die Ausbildung des Selbstkonzeptes stellt die Fähigkeit des Kleinkindes dar, sich selbst im Spiegel und auf Fotos zuverlässig zu erkennen. Dies lässt sich bereits im Alter von 12 Monaten beobachten; im vollen Umfang und zuverlässig zeigen die meisten Kleinkinder dieses Selbsterkennen im Alter von 18 bis 24 Monaten. Erste Anzeichen dafür werden in dem beginnenden Verständnis der Bedeutung von Intentionen, Gefühlen und Gedanken anderer wie auch der eigenen Person gesehen (Harter, Waters, & Whitesell, 1998).

Ab einem Alter von ca. 3 Jahren entwickelt sich allmählich die Fähigkeit, sich selbst zu beschreiben.

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(aus: ebda., S. 65)

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Nicht weniger lesenswert ist, was die Akademien als wichtigsten Störfkator bei der Ausbildung einer sicheren Bindung ausmachen:

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Nicht optimale Sozialisationsbedingungen resultieren oft aus ökonomischen Problemen in der Familie und wirken als Risikofaktoren negativ auf den Familienkontext (vermittelt über Konflikte, Depression, Stresserfahrung der Eltern und der Kinder)…. dass prekäre familiäre Verhältnisse in der Kindheit und damit oft verknüpfte mangelhafte Ausbildung von Kompetenzen der Selbstregulation bzw. Verhaltenskontrolle mit erhöhten Gesundheitsrisiken, geringerem Berufserfolg und häufigeren psychischen Erkrankungen einhergehen

(aus: ebda., S. 69)

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Die wissenschaftliche Erkenntnis von der Fähigkeit zur Selbstregulation bzw. der emotionalen Stabilität als Basis des persönlichen Erfolgs im Leben und im Beruf kann die Wirtschaft dank einschlägiger Erfahrungen nur vorbehaltlos zustimmen:

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Handelsblatt Live vom 12.06.2014 um 12:00:00

AUSBILDUNG

Genug Azubis, aber nicht die richtigen

Der Mittelstand meint, genug für die Ausbildung von Jugendlichen zu tun – und klagt stattdessen über mangelnde Sozialkompetenz und schlechte Allgemeinbildung der Azubis.

Die mittelständische Wirtschaft in Deutschland wehrt sich gegen Vorwürfe, zu wenig für die Ausbildung von Jugendlichen zu tun. Zugleich bemängeln die Unternehmen aber mangelndes Wissen und fehlende Sozialkompetenz der Bewerber auf eine Lehrstelle. Das geht aus einer Umfrage des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) unter rund 1200 Betrieben hervor, die Handelsblatt Live exklusiv vorliegt.

(…) BVMW-Präsident Mario Ohoven (….) Diese Schlussfolgerung aus dem Bericht weist Ohoven zurück. ‚Deutschlands Nachwuchs ist unzureichend auf das Berufsleben vorbereitet‘, sagt er. Schulabsolventen brächten zwar tendenziell die richtigen Voraussetzungen mit, diese seien aber viel zu schwach ausgeprägt. Das zeigt auch die Verbandsumfrage: Soziale Kompetenzen wie Leistungs- und Lernbereitschaft, Zuverlässigkeit oder Motivation sind den Mittelständlern wichtiger als Noten. Für mehr als die Hälfte der Befragten ist deshalb das persönliche Kennenlernen ausschlaggebend bei der Auswahl von Auszubildenden, nur vier Prozent nannten das Zeugnis als Hauptkriterium.

Umso alarmierender ist laut Ohoven aber, dass bei vielen Bewerbern die gewünschten sozialen Kompetenzen nicht ausreichend vorhanden sind. So vermissen rund zwei von drei Befragten bei potenziellen Lehrlingen Verantwortungsbewusstsein oder Sorgfalt. Selbstständiges Arbeiten trauen dem Berufsnachwuchs nur 28 Prozent der Mittelständler zu. (….)

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Am fundamentalen Handlungsfeld „Ausbildung einer sicheren Bindung zu den Eltern“ haben jedoch weder die tonangebenden Experten noch die Politik bislang größeres Interesse – stattdessen setzen sie ihre Hoffnung auf die fortschreitende Institutionalisierung der Kindheit, wie die Bertelsmann Stiftung mit ihrem gestrigen „Ganztagsschul-Alarm“ nur exemplarisch vorführt.

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Zum Thema siehe auch:

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Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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