KRIPPEN:
Die ÜBERSCHÄTZTen Hoffnungsträgerinnen der Familien- und Bildungspolitik
EXPERTIN ZERPFLÜCKT Illlusionen (nicht nur) des BUNDESTAGs
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HBF-Aktuell, Tübingen 10. November 2014, erstellt 19:25 Uhr, Stand 21:35 Uhr
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Sieben Jahre nach dem Beschluß zum flächendeckenden „Krippen“-Ausbau (vgl. HBF 12.10.07) hat sich der Bundestag heute von Experten über die Notwendigkeit und den Umfang möglicher Qualitätsverbesserung in der öffentlich organisierten Kinderbetreuung aufklären lassen (HPL). Eine der führenden Expertinnen im Land räumte dabei mit Illusionen über die Leistungsfähigkeit dieser Betreuungsform auf (HPL), die innerhalb wie außerhalb des Bundestags und selbst in der Elternschaft weit verbreitet sind. Angesichts der mittlerweile üblichen Horizontverengung politischer Debatten und Entscheidungen, die etwa die Regierungen in Bund und Ländern  gerade erst wieder bestätigt haben (HPL), sind die notwendigen, grundlegenden Kurskorrekturen allerdings kaum zu erwarten.
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HBF-VOLLTEXT
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Sieben Jahre nach dem Beschluß zum flächendeckenden „Krippen“-Ausbau (vgl. HBF 12.10.07) hat sich der Bundestag heute von Experten über die Notwendigkeit und den Umfang möglicher Qualitätsverbesserung in der öffentlich organisierten Kinderbetreuung aufklären lassen:
 Weitere Informationen
 Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (pdf | 149 KB)
 Antrag der Fraktion DIE LINKE. (pdf | 144 KB)
 20. Sitzung am Montag, dem 10. November 2014, 15.00 bis 17.00 Uhr – öffentlich (pdf | 115 KB)
Stellungnahmen

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Stellungnahmen
  •  Stellungnahme Jörg Freese, Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände (pdf | 422 KB)
  •  Stellungnahme Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, Staatsinstitut für Frühpädagogik (pdf | 664 KB)
  •  Stellungnahme Frank Jansen, Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK)-Bundesverband e. V. (pdf | 304 KB)
  •  Stellungnahme Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Deutsches Jugendinstitut (pdf | 374 KB)
  •  Stellungnahme Norbert Hocke, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) – Hauptvorstand (pdf | 1 MB)
  •  Matthias Ritter-Engel, AWO Bundesverband e. V. (pdf | 250 KB)
Eine der führenden Expertinnen im Land, Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, räumte dabei mit Illusionen über die Leistungsfähigkeit dieser Betreuungsform auf, die innerhalb wie außerhalb des Bundestags und selbst in der Elternschaft weit verbreitet sind:
Becker-Stoll, F.
Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur Verbesserung des Ausbaus und der Qualität der Kindertagesstätten am 10.11.2014
(…) Mittlerweile gibt es eine wachsende Anzahl von Studien, die Zusammenhänge zwischen der Qualität außerfamiliärer Betreuung und dem Entwicklungsstand von Kindern in Sprache, Kognition und sozial-emotionalen Kompetenzen bestätigen (z.B. Burchinal et al. 2008; Mashburn et al. 2008). Insbesondere die Daten der NICHD-Studie belegen empirisch sowohl den Einfluss von Familienfaktoren als auch den der außerfamiliären Betreuung auf die kindliche Entwicklung (vgl. NICHD 1998, 1999, 2000, 2002, 2003, 2006). So fanden sich beispielsweise längsschnittliche Zusammenhänge zwischen einer niedrigen Qualität der außerfamiliären Betreuung und späterem externalisierendem Problemverhalten der Kinder: Negative Effekte des Besuchs einer Kindertageseinrichtung mit niedriger Qualität zeigten sich vor allem dann, wenn die die Kinder sehr viel Zeit in der Einrichtung verbrachten und wenn die Gruppen sehr groß waren (Belsky 2009; McCartney et al. 2010). Zwar fielen die Effektstärken der Einrichtungsqualität insbesondere im Vergleich zu dem Einfluss der Familie eher gering aus, dennoch dürfen diese Einflüsse in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Bei Kindern, die in ihren Familien keine ideale Betreuung erfahren, kann eine außerfamiliäre Betreuung mit ausgezeichneter Qualität kompensatorisch wirken und Defiziten in der sozialen Entwicklung sowie Problemverhalten vorbeugen. Erfahren diese Kinder dagegen auch in der außerfamiliären Betreuung eine niedrige Qualität, so wirkt sich dies zusätzlich negativ auf ihre Entwicklung aus (Watamura et al. 2011). (…)

Bei der Nationalen Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern (NUBBEK, Tietze et al. 2013) handelt es sich um eine groß angelegte Studie, in deren Mittelpunkt die Qualität der familiären und außerfamiliären Betreuung von 2- und 4-jährigen Kindern steht. Im Folgenden sollen die zentralen Studienergebnisse zur Qualität der außerfamiliären Betreuung für Kinder in den ersten drei Lebensjahren dargestellt werden (Beckh et al.2013). (…)

Die Qualitätsmittelwerte liegen für Krippen, altersgemischte Einrichtungen und Tagespflegestellen jeweils im Bereich mittlerer Qualität (siehe Abbildung 1). Entsprechend befindet sich auch der überwiegende Teil der Einrichtungen im Bereich mittlerer Qualität, d.h. 87,6% der Tagespflegestellen, 82,0% der altersgemischten Gruppen sowie 87,2% der Krippengruppen. In den Bereich guter bis sehr guter Qualität fallen dagegen nur 5,6% der Tagespflegestellen, 0,8% der altersgemischten Gruppen sowie 6% der Krippen.

In jeweils 6,8% der Tagespflegestellen und Krippen sowie in 17,2% der altersgemischten Einrichtungen wurde die Qualität als unzureichend eingeschätzt, da grundlegende Mindestanforderungen nicht erfüllt waren (siehe Abbildung 1).

Kinderbetreuungsqualität in Kitas: Krippen und bei Tagesbetreuung, Gesamturteil, Nubbek-Studie - HBF-DatenTatsächlich ist die Qualitätslage in der U3-Kitabetreuung geradezu beunruhigend, wenn man sich den zentralen Aspekt der sogenannten Alltagsroutinen genauer anschaut:

Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WiFF Expertisen, Dezember 2011, S. 30
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Kinder in den ersten drei Lebensjahren in  altersgemischten Gruppen. Anforderungen an frühpädagogische Fachkräfte.
Franziska Nied/ Renate Niesei / Gabriele Haug-Schnabel / Monika Wertfein/Joachim Bensei.
(…)
Beziehungsvolle Pflege
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Die Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren setzt in der pädagogischen Arbeit neue Schwerpunkte und ist grundsätzlich mit mehr körperlicher und emotionaler Zuwendung und Nähe zum Kind verbunden. Dies hängt mit dem Bedürfnis der Kleinstkinder nach engen und zuverlässigen Bindungen zusammen und kommt besonders bei der Beziehungsvollen Pflege und in für die Kinder emotional herausfordernden Situationen zum Ausdruck.
Beziehungsvolle Pflege ist Begegnung und Erziehung und sie braucht Zeit. Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler (1902-1984) richtete ihr Augenmerk auf die Qualität des Umgangs mit dem Kind in den alltäglichen Interaktionen zwischen Erwachsenem und Kind.
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Alltagsroutinen wie das Wickeln, Baden und Füttern sind Gelegenheiten, durch exklusive Zweierzeit die Beziehung zwischen Kind und Erzieherin zu stärken, da sich beide durch Berührung und achtsame Interaktion begegnen und miteinander noch vertrauter werden (können).
Die Wickelsituation beispielsweise sollte so gestaltet werden, dass sich die Erzieherin dem Kind individuell zuwendet, indem sie mit dem Kind spricht und ihre Tätigkeiten sprachlich begleitet. Damit stellt die körperliche Pflege eine bedeutsame Situation dar, in welcher das Kind wichtige emotionale und sprachliche Erfahrungen sammeln kann.
„Das Kind lernt in der Pflege, ob ihm Schutz und Unterstützung zuteilwerden kann, ohne dass es ausgeliefert ist. Es erlebt, ob es Freude macht, in Berührung und Beziehung zu sein, (…) ob es wahrgenommen und respektiert wird“ (von Allwörden/Drees 2006, S. 5).
In der Pflegesituation lernt das Kind seine Bedürfnisse, Wünsche und sein Befinden mitzuteilen. Die sprachliche Begleitung, die Ankündigung einer Handlung sowie die Verbalisierung der kindlichen Reaktionen unterstützt zum einen das Vertrauen des Kindes, kann zum anderen auch die Erzieherin darin unterstützen, mit ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit beim Kind zu bleiben.
Beziehungsvolle Pflege nach Emmi Pikler kommt zum Ausdruck
– in liebevollem Respekt vor dem Kind,
– in ungeteilter Aufmerksamkeit,
– in behutsamen Berührungen,
– in sprachlicher Ankündigung und ruhiger Begleitung der Handlungen, die das Kind zur Kooperation und zum Dialog anregen.
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Becker-Stoll, F.
Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur Verbesserung des Ausbaus und der Qualität der Kindertagesstätten am 10.11.2014
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(…) Ein deutlicher Qualitätsabfall zeigt sich im Bereich Betreuung und Pflege der Kinder, d.h. bei der Gestaltung der Alltagsroutinen. Die Qualitätsmittelwerte liegen hier für alle drei betrachteten Betreuungsformen im unteren Bereich unzureichender Qualität (siehe Abbildung 2). Dies zeigt sich auch in der prozentuellen Verteilung: es fallen 73,3% der Tagespflegestellen, 88,3% der altersgemischten Einrichtungen sowie 78,4% der Krippen in den Bereich unzureichender Qualität, gut oder sehr gut schnitten im Bereich Betreuung und Pflege dagegen nur 1,9% der Tagespflegestellen, keine der altersgemischten Einrichtungen sowie 17,0% der Krippen ab.

Kinderbetreuungsqualität in Kitas: Krippen und bei Tagesbetreuung, Gesamturteil, Nubbek-Studie - HBF-Daten

 

 

 

 

Negative Spitzenwerte bei der Qualität konzentrieren sich vor allem auf eine Betreuungsform:

Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse in einigen Bereichen auch deutliche Unterschiede zwischen den Betreuungsformen. So schneiden altersgemischte Gruppen in den Bereichen Platz und Ausstattung, Betreuung und Pflege, Interaktionen, Strukturieren der pädagogischen Arbeit sowie Zuhören und Sprechen im Hinblick auf Kinder in den ersten drei Lebensjahren signifikant schlechter ab als Krippengruppen. Dies spricht dafür, dass viele der untersuchten altersgemischten Einrichtungen nicht ausreichend auf die altersspezifischen Bedürfnisse von Kindern bis drei Jahre aus- und eingerichtet waren.

(aus: Becker-Stoll, F. – Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur Verbesserung des Ausbaus und der Qualität der Kindertagesstätten am 10.11.2014)

 

 

 

Und genau aus diesen qualitativ unzureichenden altersgemischten Gruppen besteht das „Krippen“-Angebot zu 96%:
Kita-Ausbau / Krippen-Ausbau  2006 bis 2013, Form der Einrichtungen / Altersgemischt - HBF-Daten
aus: 5. Bildungsbericht 2014
Angesichts dieser Fakten zur „Kita“-Qualität fällt das Urteil der Münchner Entwicklungspsychologin Becker-Stoll auch mit Blick auf die Fördermöglichkeiten in diesen Einrichtungen für sozial benachteiligte Kinder, vor allem für die politisch „umsorgten“ Migrantenkinder, nicht nur ernüchternd, sondern sogar politisch frustrierend aus:
Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass der Verbesserung und Sicherung der Betreuungsqualität für Kinder in den ersten drei Lebensjahren eine höhere Priorität eingeräumt werden sollte. Insbesondere dann, wenn die Kinder schon sehr früh für viele Stunden täglich außerfamiliär betreut werden, reicht eine mittelmäßige Betreuungsqualität nicht aus, um die Kinder optimal in ihrer Entwicklung zu begleiten. Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder, die familiären oder sonstigen Belastungen ausgesetzt sind, sind in besonderem Maße auf eine gute bis sehr gute Betreuungsqualität angewiesen (Beckh et al., 2014).
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(aus: Becker-Stoll, F. – Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur Verbesserung des Ausbaus und der Qualität der Kindertagesstätten am 10.11.2014)
Da diese guten bis sehr guten Bedingungen aber nur bei einer kleinen Minderheit des öffentlichen Betreuungsangebots vorhanden sind, kommt Fabienne Becker-Stoll zu einer überraschend eindeutigen Empfehlung, die nur als schallende Ohrfeige für die Politik und die Empfehlungen aus der sogenannten Gesamtevaluation der famiienpolitischen Leistungen zu verstehen ist:
Becker-Stoll: Das ist das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer großen Qualitätsstudie: Kinder mit Migrationshintergrund brauchen exzellente Einrichtungen, um sich gut zu entwickeln. Bevor sie eine schlechte oder mittelmäßige Kita besuchen, bleiben sie besser zu Hause.
F.A.S.: Wie bitte?
Becker-Stoll: Das ist leider so. Wir haben die sprachliche, die sozio-emotionale und die kognitive Entwicklung gemessen und verglichen. Wenn diese zweijährigen Kinder nicht in eine Kita im oberen Drittel der Qualität gehen, sind sie zu Hause besser aufgehoben. Nur den guten Kitas gelingt es, sich auf die spezifischen Bildungsbedürfnisse von Kindern mit Migrationshintergrund so einzustellen, dass diese davon wirklich profitieren. Bei den deutschen Zweijährigen hingegen wirkt sich die Qualität der Kita kaum auf die Entwicklung aus.
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(aus: „KRIPPE IM ERSTEN LEBENSJAHR? – NEIN!“. Die Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll rät Eltern, genau darauf zu achten, wie viel und welche Betreuung gut für ihr Kind ist. F.A.S., Sonntag den 03.08.2014 Leben 38)

 

 

 

Angesichts der mittlerweile üblichen Horizontverengung politischer Debatten und Entscheidungen, die etwa die Regierungen in Bund und Ländern  gerade erst wieder bestätigt haben, sind die notwendigen, grundlegenden Kurskorrekturen allerdings kaum zu erwarten:

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 06.11.2014

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Luftschlösser

Für gute Kitas wären bis zu fünf Milliarden Euro nötig – doch die können Länder und Kommunen nicht aufbringen

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Zum Thema siehe auch:

  • Rainer Stadler: Drinnen und draußen. Was mit Kindern passiert, die die meiste Zeit nicht zu Hause, sondern in einer Tagesstätte verbringen. Zur Lage der Familien und zum aktuellen Stand der Forschung. Der Freitag, Nr. 45/14 vom 06.11.2014

 

 

 

 

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