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AOK-KRANKENHAUSREPORT:
Mehr Effizienz!
– Kein nebenwirkungsfreies Rezept gegen die steigenden Kosten der (Schrumpf-)Alterung
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HBF-Aktuell, Tübingen, 22. Januar 2014, erstellt 15:50 Uhr, Stand 20:05 Uhr
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Kurzfassung:
In Deutschlands Krankenhäusern sterben pro Jahr fast sechs Mal mehr Menschen durch Behandlungsfehler als durch Straßenunfälle – so das Ergebnis des neuen AOK-Krankenhausreports (HPL). Fast die Hälfte der Todesfälle sei durch qualitative Verbesserungen vermeidbar (HPL). Besonders effektiv wäre es nach Meinung der AOK, wenn die Krankenhäuser sich künftig auf bestimmte Eingriffe und Behandlungskonzepte spezialisieren müßten, um ein definiertes Qualitätsniveau zu erreichen. Dafür sollten sie dann auch von den Kassen finanziell belohnt werden (HPL). Ausdrücklich lobt die AOK deshalb das entsprechende Vorhaben der schwarz-roten Regierungskoalition (HPL).
Im Kern handelt es sich bei diesen Bemühungen um den Versuch, die massiv steigenden Kosten der demographischen Alterung (HPL) einzudämmen. Dieses Rezept ist jedoch bei konsequenter Umsetzung gleich in mehrfacher Hinsicht mit  schmerzhaften "Nebenwirkungen" verbunden (HPL).
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In Deutschlands Krankenhäusern sterben pro Jahr fast sechs Mal mehr Menschen durch Behandlungsfehler (18.800) als durch Straßenunfälle (3.290) – so das Ergebnis des neuen AOK-Krankenhausreports. Fast die Hälfte der Todesfälle sei durch qualitative Verbesserungen vermeidbar:

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AOK-Krankenhausreport 2014
Mehr Tote durch Behandlungsfehler als im Straßenverkehr
von Rainer Woratschka
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(….)  Durch Behandlungsfehler sterben der Studie zufolge in deutschen Kliniken pro Jahr nach wie vor rund 18 800 Menschen. Das seien fünfmal so viele wie bei Verkehrsunfällen. (…) Das Risiko steige mit dem Patientenalter, der Komplexität der Behandlung und der Anzahl der Akteure, sagte der Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung an der Universität Witten/Herdecke, Max Geraedts. Und fast die Hälfte der Schädigungen sei vermeidbar. (…)

Besonders effektiv wäre es nach Meinung der AOK, wenn die Krankenhäuser sich künftig auf bestimmte Eingriffe und Behandlungskonzepte spezialisieren müßten, um ein definiertes Qualitätsniveau zu erreichen. Dafür sollten sie dann auch von den Kassen finanziell belohnt werden. Ausdrücklich lobt die AOK deshalb das entsprechende Vorhaben der schwarz-roten Regierungskoalition:

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Mehr Qualität und weniger Risiken: Krankenhauslandschaft modernisieren
KRANKENHAUS-REPORT 2014 zeigt Möglichkeiten für mehr Patientensicherheit
Wie gut das Ergebnis einer Krankenhausbehandlung ist, hängt eng damit zusammen, wie häufig der Eingriff durchgeführt wird.
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(…) Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes. "Für eine hochwertige medizinische Versorgung ist jedoch Spezialisierung das Gebot der Stunde." Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Gründung eines Qualitätsinstituts sei ein Schritt in die richtige Richtung. Wer tatsächlich Versorgungsprobleme beseitigen wolle, müsse aber einen Schritt weiter gehen und die Krankenhauslandschaft modernisieren. Der Koalitionsvertrag mit seiner Qualitätsoffensive biete hierfür eine gute Orientierung.
 
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27.11.2013
Deutschlands Zukunft gestalten
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD
 
S. 78
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Krankenhausversorgung
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 (…) Gute Qualität muss sich für die Krankenhäuser auch finanziell lohnen. Die Menge  soll künftig nur da berücksichtigt werden, wo sie entsteht. Das heute bestehende  System der Mehrleistungsabschläge wollen wir dabei differenzieren: Leistungen mit  nachgewiesen hoher Qualität können von Mehrleistungsabschlägen ausgenommen  werden, für besonders gute Qualität sind Zuschläge möglich. Umgekehrt sollen bei  unterdurchschnittlicher Qualität für einzelne Leistungen auch höhere Abschläge möglich sein.
Im Kern handelt es sich bei diesen Bemühungen um den Versuch, die massiv steigenden Kosten der demographischen Alterung einzudämmen. So sind die Behandlungskosten pro Patient für die Krankenhäuser im letzten Jahrzehnt deutlich schneller angestiegen als noch 10 Jahre zuvor: Von 1992 bis 2002 stiegen sie um insgesamt 14% (von 2.756 Euro auf 3.139 Euro); von 2002 bis 2012 waren es jedoch bereits 29,4% (von 3.139 auf 4.060 Euro – siehe: HP-PLUS).
Nach Ansicht von Michael Wild, dem Direktor der Chirurgischen Klinik II des Darmstädter Klinikums, ist dies maßgeblich auf den wachsenden Anteil von älteren Patienten zurückzuführen:
 
Sabine Schiner in medizinblog
Mehr Personal ist nicht drin
Hier ein Interview, das ich mit Michael Wild, Direktor der Chirurgischen Klinik II des Darmstädter Klinikums, geführt habe. (…)
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Michael Wild: (….) Das Problem wird sich in Zukunft sogar noch verschärfen: Früher war etwa ein Drittel unserer Patienten älter als 70 Jahre, heute haben wir zu 75 Prozent geriatrische Patienten, die multimorbide sind und sehr viel mehr Pflege brauchen. (…)
Diese Beobachtung wird auch durch die Daten des Statistischen Bundesamtes bestätigt:
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Fast die Hälfte aller Krankenhausbehandlungen entfällt auf Ältere
 
Während im Jahr 2008 etwa jeder vierte Einwohner 60 Jahre oder älter war, gehörte jeder zweite Krankenhauspatient diesen Altersgruppen an. Die 60- bis unter 80-Jährigen (21 % der Bevölkerung) stellen 35 % der Krankenhausfälle, die ab 80-Jährigen (5 % der Bevölkerung) 14 %.
(aus: Demografischer Wandel in Deutschland – Heft 2 – Auswirkungen auf Krankenhausbehandlungen und Pflegebedürftige. Statistisches Bundesamt  2010 – S.11)
Und in ihrem sogenannten Status-Quo-Szenario gehen die Bundesstatistiker von einer erheblichen Zunahme der Krankenhausfälle bei den Älteren aus:
 
 

(aus: Demografischer Wandel in Deutschland – Heft 2 – Auswirkungen auf Krankenhausbehandlungen und Pflegebedürftige. Statistisches Bundesamt  2010 – S.17)

Der stetig wachsende Anteil behandlungsbedürftiger Älterer in den Kliniken erfordert nach Ansicht der Krankenhäuser einen deutlich höheren und damit kostspieligen Personaleinsatz. Tatsächlich werde jedoch durch das System der Fallpauschalen ein wirtschaftlicher Druck zum weiteren Personalabbau geschaffen:

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Sabine Schiner in medizinblog
Mehr Personal ist nicht drin
Hier ein Interview, das ich mit Michael Wild, Direktor der Chirurgischen Klinik II des Darmstädter Klinikums, geführt habe.  Sein Fazit ist niederschmetternd: Das Problem wird sich in Zukunft noch verschärfen. Mehr Personal einzustellen, um den Engpass zu verschärfen, ist nicht drin.
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Herr Dr. Wild, stellen Sie sich vor, Sie sind für eine Operation fest eingeplant – und bekommen erst Stunden später, auf nüchternen Magen mitgeteilt, dass es an diesem Tag nun doch nicht klappt. Wären Sie da nicht auch wütend? (…)
Michael Wild: Die Geschäftsführung weiß, dass wir einen Kapazitätsengpass im OP haben. Ende 2014, Anfang 2015 sollen wir deshalb einen Ambulanz-OP im neuen Fachärztezentrum bekommen. Das würde die Lage etwas entspannen. Früher hatten wir die Möglichkeit, Puffer in den Terminplan einzubauen, das kann sich heute kein Krankenhaus mehr leisten. (…)
Darmstädter Echo: Haben Sie ausreichend Personal?
Wild: An qualifizierten und engagierten Ärzten mangelt es uns nicht. Beim Pflegepersonal sieht das anders aus. Es ist schwer, Nachwuchskräfte zu bekommen. Das liegt auch daran, dass der Pflegeberuf nicht sehr attraktiv ist: Kein Entwicklungspotenzial, schlechte Bezahlung, familienfeindliche Arbeitszeiten. Glücklicherweise habe ich auf meiner Station ein sehr engagiertes Team – aber auch da gibt es krankheitsbedingte Ausfälle und dann wird es eng. Pflege ist ein harter Job.
Darmstädter Echo: Das heißt, mehr Personal einstellen, um die Patienten besser versorgen zu können, ist nicht drin?
Wild: Die Tendenz beim Personal ist im Kliniksektor fallend. Der wirtschaftliche Druck verschärft die Situation. Krankenhäuser – und das ist kein lokales, sondern ein bundesweites Problem – sollen nicht teurer, sondern immer preiswerter werden. Doch Mitarbeiter gibt es nicht umsonst. Das Problem wird sich in Zukunft sogar noch verschärfen: Früher war etwa ein Drittel unserer Patienten älter als 70 Jahre, heute haben wir zu 75 Prozent geriatrische Patienten, die multimorbide sind und sehr viel mehr Pflege brauchen.
 
Mehr ältere und teure Patienten bei beständigem Rationalisierungszwang und zwangsläufigem Personalmangel würden letztlich auch auf die Qualität der Behandlung durchschlagen, wie die Krankenhausvertreter als Reaktion auf die AOK-Krankenhausstudie klarstellen:
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DKG zu Patientensicherheit im Krankenhaus
Krankenhäuser so sicher wie nie!
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 "Nie hatten wir höhere Sicherheitsstandards in den Kliniken. Sie können sich im internationalen Vergleich sehen lassen. Nie war die Bereitschaft der Krankenhäuser größer, Qualität und Sicherheit weiterzuentwickeln. Allerdings dürfen die Kliniken, wenn es um die Finanzierung des Mehraufwands geht, nicht allein gelassen werden." Mit diesen klaren Worten würdigte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft das Engagement der Krankenhäuser in die Patientensicherheit und warnte vor Verunsicherung der Patienten. Baum wies exemplarisch darauf hin, dass die Krankenhäuser aus verantwortlichem Zusammenwirken mit der Politik Vorgaben zu Hygienepersonal zu erfüllen hätten. Zudem bestimmten Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der stationären Patientenversorgung in hochsensiblen Bereichen, so z. B. für Frühgeborenen-Intensivstationen konkrete Personalzahlen. (…)
Die Krankenkassen jedoch machten es sich leicht, so Baum. Sie forderten Maximales und seien nicht bereit, für die Mehrkosten, die den Kliniken entstehen, aufzukommen.
Denn Qualität und Sicherheit erforderten Ressourcen für mehr und permanent fortgebildetes Personal und moderne Ausstattungen. Solange höhere Personalvorhaltungen und tarifliche Personalkostenzuwächse den Krankenhäusern nicht ausgeglichen würden, bliebe ein zu Lasten von Qualität und Sicherheit wirkender Rationalisierungszwang, warnte der DKG-Hauptgeschäftsführer. Baum forderte: „Krankenkassen und Politik müssen zu Recht geforderte Qualitäts- und Sicherheitserfordernisse auch finanzierbar und flächendeckend realisierbar machen.“
Wie dramatisch die wirtschaftliche Lage vieler Krankenhäuser mittlerweile ist, verdeutlicht eine im Sommer letzten Jahres veröffentlichte Untersuchung:
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Report
JEDER VIERTEN DEUTSCHEN KLINIK DROHT PLEITE
Hunderte deutsche Krankenhäuser steuern auf die Insolvenz zu. Einer Untersuchung zufolge spitzt sich die Lage in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hessen besonders zu. Hier macht fast jede zweite Klinik Verluste.
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Berlin – Mehr als jeder vierten deutschen Klinik droht die Pleite. In den vergangenen zwei Jahren verschlechterte sich die finanzielle Lage der rund 2000 Krankenhäuser spürbar, wie aus dem Krankenhaus Rating Report hervorgeht, der am Donnerstag vorgestellt wurde (…).

Daher versuchen die Krankenhäuser durch Leistungsausweitung (= Umsatzsteigerungen) aus den roten Zahlen zu kommen bzw. in den schwarzen Zahlen zu bleiben. Und genau diese Tendenz wird wiederum jetzt von der AOK scharf kritisiert:

AOK-Krankenhausreport 2014
Mehr Tote durch Behandlungsfehler als im Straßenverkehr
von Rainer Woratschka
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AOK-Chef nennt Qualitätsunterschiede "höchst bedenklich“
 
Es gebe unter den Kliniken „Qualitätsunterschiede, die aus Patientensicht höchst bedenklich sind“, sagte AOK-Vorstand Uwe Deh. Einen Grund dafür sieht er in mangelnder Spezialisierung. Aus ökonomischem Kalkül versuchten viele Häuser, sich als „kleine Universitätskliniken“ mit umfassendem Angebot zu präsentieren.

Vor diesem Hintergrund bedeutet die populäre Forderung der AOK (bzw. der Krankenkassen) nach finanziellen Leistungsabschlägen für Krankenhäuser, die sich nicht spezialisieren wollen oder – mangels Masse – nicht können, faktisch das wirtschaftliche Ende vieler Kliniken – gerade in Regionen mit einem überproportional hohen Anteil älterer Patienten oder mit einem deutlichen Bevölkerungsrückgang.

Dort hätten die Kranken (und ihre Angehörigen) dann deutlich längere Wege als bisher, um eine Krankenhausbehandlung zu erhalten. Und die verbleibenden Kliniken wären mit den Mehrkosten für die wachsende Zahl älterer Patienten immer noch auf sich allein gestellt (HP-PLUS).

Unterm Strich wäre das dann doch – die stets bestrittene – politische Kapitulation vor den weitreichenden und kaum beherrschbaren Folgen der Schrumpf-Alterung in Deutschland.

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Zum Thema siehe auch:

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Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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