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Der SIEGESZUG der KINDERKRIPPEN:
Vom Schreckensbild zum ZUKUNFTSMODELL
Eine (bemerkenswerte) Analyse von sueddeutsche.de
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HBF-LESE-Tip, Tübingen 13. November 2014, erstellt 10:45 Uhr

 

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Kinderkrippen vor und nach dem Mauerfall
Vom Schreckensbild zum Zukunftsmodell
In der Vor-Wende-BRD waren Krippen verpönt. Sie standen für vieles, was an der DDR verdächtig schien: Für die Einmischung des Staates ins Privatleben und frühe Indoktrination. Doch seit dem Mauerfall hat sich das Bild der Kleinkinderbetreuung gewandelt. Spielen die Erfahrungen im Osten dabei eine Rolle?
Von Barbara Galaktionow
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(….) So sieht es auch die Göttinger Soziologin Ilona Ostner. „Die deutsche Politik hätte nie gesagt: Wir machen das jetzt wie in der DDR“, sagt sie. (….) „Was die Krippen angeht, kam die deutsche Einheit über Schweden zu uns“, sagt Soziologin Ostner. Zudem seien es weniger Anpassungsprozesse des Westens an den Osten gewesen, als vielmehr „Modernisierungsprozesse“.

Die Organisation für Wirtschaft und Zusammenarbeit in Europa (OECD) verlangte seit Mitte der 90er Jahre eine bessere Nutzung des „Humankapitals“ in den alternden westlichen Gesellschaften. Das sorgte dafür, dass von Feministinnen schon lang erhobene Forderungen nach besseren beruflichen Chancen für Frauen, nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nun auch in konservativen Kreisen Gehör fanden, wenn auch unter neuen Vorzeichen. (Mehr zum Wandel in der Familienpolitik hier).
Auch Kinder wurden plötzlich als „Ressource für den Arbeitsmarkt“ gesehen, wie Ostner sagt. Und in der Forschung wurde immer deutlicher, welchen Wert bereits frühkindliche Bildung hat: „Früherfahrungen haben eine Nachhaltigkeit, sie bahnen im Gehirn den Weg des Lernens“, sagt Entwicklungspsychologin Ahnert. Gezielte frühe Nachwuchsförderung wurde so zumindest auch in wirtschaftsfreundlichen konservativen Kreisen zum Thema.
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Das ist heute anders: Innerhalb der vergangenen 15 bis 20 Jahre ist in der Pädagogik die Sensibilität für die Bedürfnisse der Kinder und für ihre Individualität stark gewachsen. Es gibt Eingewöhnungsphasen, in denen die Kinder mit ihren Betreuern vertraut werden können. Zwischen Eltern und Einrichtung herrscht oft ein reger Austausch.
Trotzdem läuft es auch in der heutigen Kleinkinderbetreuung keineswegs zum Besten. Denn beim forcierten Krippenausbau der vergangenen Jahre wurde zwar die Zahl der Plätze deutlich vermehrt, die Qualität der Einrichtungen blieb dabei aber oft auf der Strecke. Pädagogen und Entwicklungspsychologen seien sich einig, dass man kleinen Kindern Krippen dieser Qualität nicht zumuten dürfe, sagt Soziologie-Professorin Ostner.
Das zentrale Problem ist der Mangel an qualifiziertem Personal (hier mehr dazu) Denn wo Erzieher fehlen, kann auch das beste pädagogische Programm nicht greifen. (…)
In der Zukunft wird aber wohl eher die Frage eine Rolle spielen, inwiefern Eltern und Kinder innerhalb einer immer flexibler werdenden Arbeitswelt genötigt werden, ihre Betreuung daran anzupassen, beispielsweise durch die Nutzung von Abend- oder gar Über-Nacht-Einrichtungen. Unter „Sozialismus-Verdacht“ gerät 25 Jahre nach dem Mauerfall jedenfalls keiner mehr, der für den weiteren Krippenausbau plädiert.

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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