FAMILIENleben im VERGLEICH:
Warum FRANKREICH anders als DEUTSCHLAND tickt
/ Neue Studie zeigt strukturelle Unterschiede
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Die Bundesregierung steht vor einem Rätsel: Systematisch arbeiten sie und ihre Vorgängerinnen seit der Jahrtausendwende ihren familienpolitischen „Modernisierungskurs“ ab (vgl. zuletzt Statistisches Bundesamt 20.02.15) – aber das Leben mit Kindern gewinnt hierzulande weiterhin nicht an gelebter Attraktivität (vgl. z.B. HBF Dezember 2014). Ganz anders dagegen in Frankreich: Das Land steckt schon seit Jahren in einer tiefen Strukturkrise (HPL) und dennoch bleibt die Lust auf Kinder davon (bislang) vollkommen unberührt, wie die neuesten Zahlen zeigen (HPL).
Eine aktuelle Studie (aus politisch vollkommen unverdächtiger Quelle) geht den Gründen für diese höchst unterschiedliche Entwicklung in beiden Ländern nach (HPL). Die ermittelten Daten sind dabei sehr aufschlußreich (HPL) – ihre politische Bewertung jedoch ganz offenkundig von einem festgefügten Weltbild geprägt, das sich selbst durch die präsentierten Fakten nicht erschüttern läßt (HPL).
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HBF-VOLLTEXT
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Die Bundesregierung steht vor einem Rätsel: Systematisch arbeiten sie und ihre Vorgängerinnen seit der Jahrtausendwende ihren familienpolitischen „Modernisierungskurs“ ab (vgl. zuletzt Statistisches Bundesamt 20.02.15) – aber das Leben mit Kindern gewinnt hierzulande weiterhin nicht an gelebter Attraktivität (vgl. z.B. die weiterhin stagnierenden Geburtenrate – in: HBF 08.12.14). Ganz anders dagegen in Frankreich: Das Land steckt schon seit Jahren in einer tiefen Strukturkrise:
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ARMES FRANKREICH
Immer mehr Franzosen sind auf Sozialhilfe und Spenden angewiesen
Seit er seinen Job verloren hat, lebt Alexy Lambert auf der Straße. Das Schicksal des 28-Jährigen teilen immer mehr Franzosen. Seit 2011 stieg die Zahl der Menschen ohne Wohnsitz um 50 Prozent.
Nina Schönmeier, Epd
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Die „Generation P“ will trotzdem wählen
FRANKREICH Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen haben die Parteien jungen Leuten nur wenig zu bieten. Auch wer die Universität mit einer guter Qualifikation verlässt, landet schnell im Praktikum und Prekariat. Fast ein Viertel der 16- bis 25-Jährigen sind arbeitslos
Aus Nanterre Rudolf Balmer
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DAS FRANZÖSISCHE ARBEITSMARKTDESASTER
Die Regierung Hollande hatte den Abbau der Arbeitslosigkeit versprochen.
Von Christian Schubert, Paris
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(….) Seit Hollande im Mai 2012 an die Macht kam, ist die Arbeitslosigkeit unaufhörlich gestiegen, mittlerweile um mehr als eine halbe Million Menschen. Auch vorher hatte sie schon zugenommen, doch der Sozialist versprach, bis spätestens Ende 2013 für einen Rückgang zu sorgen. Stattdessen wurde das Jahr 2014 noch schlimmer. 3,5 Millionen Menschen sind jetzt in der engsten Kategorie der französischen Statistik arbeitslos gemeldet, rund 10Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. Zuzüglich der geringfügig Beschäftigten, die eine richtige Stelle suchen, sind 5,2 Millionen Personen ohne Arbeit – soviele wie noch nie. (…)
….dennoch bleibt die Lust der Franzosen auf Kinder davon (bislang) vollkommen unberührt, wie die neuesten Geburtenzahlen zeigen: Im letzten Jahr lag die Geburtenrate wieder bei fast 2,1 Kindern pro Frau (2013: 2,0, siehe frz. Statistikamt 13.01.15 –  im Vergleich dazu: Deutschland 2013: 1,4).
Eine aktuelle Studie des Bundesfamilienministeriums geht den Gründen für diese höchst unterschiedliche Entwicklung in beiden Ländern nach. Die ermittelten Daten sind dabei äußerst aufschlußreich. So unterscheidet sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Kindern in geradezu dramatischer Weise:

In den Jahren 2007 und 2013 wurden die Befragten vom Institut für Demoskopie Allensbach (2015) um eine Einschätzung der Kinderfreundlichkeit in ihrem Land gebeten. Dass ihr Land kinderfreundlich ist, glauben 82 Prozent der französischen Befragten, aber nur 33 Prozent der Deutschen. 2007 waren die Unterschiede noch größer. (…)

Kinderfreundlichkeit im internationalen Vergleich / Deutschland Frankreich 2007 und 2013 - HBF-Datenaus: Familienbilder in Deutschland und Frankreich. Monitor Familienforschung. Ausgabe 34. Bundesfamilienministerium 29. Januar 2015, S. 12

Auch gegenüber der demographisch entscheidenden Gruppe der kinderreichen Familien, deren Anteil in Deutschland fast um die Hälfte niedriger als Frankreich ist (vgl. Anmerkung 1), gibt es eklatante Unterschiede in der Bevölkerung zwischen den beiden Ländern:
Kinderreiche Familien werden in Deutschland weniger positiv gesehen als in Frankreich. Befragt zu möglichen Problemen eines Ehepaares mit vier Kindern, fürchten fast drei Viertel der Deutschen, dass sie „nur schwer eine passende Wohnung finden“. Die knappe Hälfte der französischen Befragten teilt diese Sorge. Dass ein Ehepaar mit vier Kindern „oft schief angesehen wird“, glauben 63 Prozent der Deutschen, aber nur 18 Prozent der französischen Befragten.
Probleme und Hindernisse für kinderreiche Familien / Mehrkinderfamilien im interantionalen Vergleich / Deutschland - Frankreich 2013 - HBF-Daten

aus: ebda, S. 28f

 Grundlegende Unterschiede gibt es auch bei den Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um sich für ein Kind zu entscheiden:
(…) In Deutschland wünscht sich fast die Hälfte der Befragten, „dass ein Einkommen für die Familie ausreicht“. In Frankreich sieht dies nur knapp ein Viertel der Befragten als Voraussetzung für die Geburt von Kindern an. Stattdessen benennt in Frankreich jede bzw. jeder zweite Befragte, dass gesichert sein sollte, dass Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder zur Verfügung stehen. In Deutschland sieht dies nur jede bzw. jeder vierte Befragte so. (…)
Voraussetzungen für Geburt eines Kindes / Umsetzung von Kinderwunsch / internationaler Vergleich / Deutschland - Frankreich 2013 - HBF-Daten

aus: ebda, S. 14

Entscheidend für diese Einstellungsunterschiede zwischen Deutschen und Franzosen ist die Rolle des Staates bei der Kinderbetreuung und -erziehung. Die französische Haltung beschreibt eine renommierte Soziologin so:
Badinter (2010) beschreibt die französische Mutterrolle mit folgenden Worten: „Es wird akzeptiert, dass man gerne Kinder bekommt – unter der Voraussetzung, dass der Staat einem durch Krippen, Kindergärten etc. bei ihrer Betreuung und ihrer Erziehung hilft und man seinen legitimen beruflichen oder sonstigen Beschäftigungen nachgehen kann“ (Badinter 2010:11).
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aus: ebda, S. 14
Bemerkenswert ist dabei, daß bei diesen Erwartung der französischen Mütter die Qualität des staatlichen Betreuungs- und Bildungsengagements keine ausschlaggebende Rolle zu spielen scheint:
Beim Vergleich des kindlichen Wohlbefindens rangieren Deutschland und Frankreich im hinteren Mittelfeld von 22 OECD-Ländern.  Das höchste kindliche Wohlbefinden wird laut eines Rankings der OECD (2009) in den Niederlanden, Schweden und Finnland erreicht, Schlusslichter sind Ungarn, die USA und Großbritannien.
Die Qualität der französischen Ganztagsschulen wird von der OECD (2009) vergleichsweise niedrig eingestuft.  (….)
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aus: ebda. S. 31 – Die OECD-Tabelle – siehe Anmerkung 1
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zum Thema siehe auch:
Bereits diese Daten zeigen fundamentale Unterschiede in der Gesellschaft und den persönlichen Einstellungen der (potentiellen) Eltern zwischen Deutschland und Frankreich. Dennoch  kommt das Bundesfamilienministerium bei seiner abschließenden Interpretation des binationalen Vergleichs nur zu der sattsam bekannten „Schlußfolgerung“ nach einer besseren Vereinbarkeit in Deutschland:
Die markanten Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland bleiben jedoch bestehen. Der Anteil derjenigen, die Kinder und Arbeit nur schwer vereinbaren können, ist nach wie vor hoch. Trotz geringer Geldleistungen sind französische Eltern deutlich zufriedener. Wenn es gelingt, dass Eltern ihre Erwerbstätigkeit wunschgemäß umsetzen können und dabei von guten Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen unterstützt werden, dann profitieren auch die Kinder.
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aus: ebda, S. 32
Tatsächlich dokumentiert diese Betonung der Erwerbsarbeit als Schlüssel zum Erfolg der französischen Familienpolitik ein offenkundig festgefügtes Weltbild, das sich selbst durch die in der Studie reichlich präsentierten Fakten nicht erschüttern läßt. So wird die Armutsquote von Familien in Frankreich trotz höherer Erwerbsintensität der Mütter vor allem durch staatliche Transfers entscheidend verringert:
(…) In der Summe gelingt es in Deutschland etwas besser als in Frankreich, das Kinderarmutsrisiko durch Familienleistungen und Sozialtransfers zu senken.
Vor Familienleistungen und Sozialtransfers leben in Frankreich 36 Prozent der Kinder und in Deutschland 33 Prozent in relativer Einkommensarmut, nach Transfers verbleiben in Frankreich 19 Prozent und in Deutschland 16 Prozent der Kinder in der armutsgefährdeten Einkommensgruppe (BMFSFJ 2014:103).
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aus: ebda, S. 9
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Im übrigen hat die politisch präferierte hohe Erwerbsintensität der Mütter sowohl in Frankreich und vor allem im „französisch“ strukturierten Ostdeutschland erkennbar an Zustimmung verloren:
Ideale Aufgabenteilung  / Rollenaufteilung in der Familie / internationaler Vergleich / Deutschland - Frankreich - HBF-Daten ebda, S. 22
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So ist in Frankreich nicht nur die Zustimmung zur Hausfrauenehe von 19% (2007) auf 22% (2013) gewachsen, sondern auch der Wunsch nach doppelter Teilzeitarbeit der Eltern von 10% (2007) auf 15% (2013). In gleichen Zeitraum ist in Ostdeutschland der Wunsch nach doppelter Vollzeiterwerbstätigkeit kräftig gesunken (von 39% auf 29%), während das Ideal der doppelten Teilzeitarbeit mit 12% sprunghaft zugenommen hat.
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Hinzu kommt der für die deutsche Entwicklung ausschlaggebende Faktor, der den zentralen Unterschied zu Frankreich markiert: Der hohe Anteil von Kinderlosen (D: 22%, F: 11%). Seine langandauernde Existenz hat inzwischen die Maßstäbe in der Arbeitswelt und der Gesellschaft deutlich zu ungunsten der Familien in Deutschland verschoben. Der „Monitor Familienforschung“ weist mehrfach darauf hin:
Dabei zeigt sich im Trendvergleich für Deutschland, dass die Lebensformen mit Kindern 2013 etwas seltener vorkamen als 2007, hier also eine leicht negative Entwicklung vorliegt, während ihre Verbreitung in Frankreich stabil ist. Von den französischen Frauen lebten 2013 69 Prozent mit Kindern, von den deutschen nur 54 Prozent. Genau die Hälfte der französischen Männer in dieser Altersgruppe lebt mit der Partnerin und den Kindern zusammen. In Deutschland sind es nur 35 Prozent der Männer, obwohl in dieser Kategorie nichteheliche Paare und Ehepaare mit Kindern bereits zusammengefasst sind.
Lebensformen der Bevölkerung / Altersgruppe 25- bis 49-Jährige / internationaler Vergleich / Deutschland - Frankreich 2007 und 2013 - HBF-Daten
Indem nur die Hälfte dieser Altersgruppe mit Kindern zusammenlebt, steht ein Großteil dem Arbeitsmarkt umfassend zur Verfügung. Diese Altersgruppe bestimmt den Zeittakt der Arbeitgeber, in dieser Phase wird Karriere gemacht. Vor allem Männer sind überdurchschnittlich häufig alleinstehend. (…)
(….)
Kinderlosigkeit wird in Deutschland mit größerem Luxus assoziiert. Ein kinderloses Paar „macht schöne Urlaubsreisen“ (denken 80 % in Deutschland, aber nur 43 % in Frankreich), „geht viel aus, unternimmt viel“ (73 % in Deutschland, 53 % in Frankreich), „ist finanziell gut gestellt“ (69 % in Deutschland, aber nur 25 % in Frankreich).
Damit sind die Welten zwischen Kinderreichen und Kinderlosen in Frankreich weniger getrennt. Insgesamt werden in Deutschland mehr Vorteile für die Kinderlosen und mehr Nachteile für kinderreiche Familien gesehen als in Frankreich. (…)
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ebda, S. 26f und 29
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