GRAUE REPUBLIK DEUTSCHLAND – Beim kollektiven Altern ist Optimismus Pflicht (I):
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Warum die MODERNE FAMILIENPOLITIK SCHEITERT:
Regierungsstudie liefert die Fakten
– Empfiehlt aber unbeirrt ihr altes Rezept
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Das satte Einwanderungsplus der letzten Jahre (vgl. zuletzt HBF 21.01.15) wird die weitreichenden Folgen der Schrumpf-Alterung des Landes bestenfalls abmildern, nicht verhindern können (vgl. z.B. HBF 22.01.15). Ein FAZ-Kommentator verlangte deshalb gestern von der Politik, die eigentliche Ursache des demographischen Abwärtstrends endlich offen zu benennen und entschieden anzugehen (HPL). Die Bundesregierung nimmt allerdings für sich in Anspruch, mit ihrer „modernisierten Familienpolitik“ (vgl. z.B. HPL) hier bereits gegenzusteuern.
Tatsächlich bestätigt eine unlängst vom Bundesfamilienministerium ohne Aufhebens veröffentlichte Studie praktisch das glatte Gegenteil (HPL). Trotz der präzis beschriebenen und politisch zu verantwortenden Fehlentwicklungen (HPL) bescheinigt Ministerin Manuela Schwesig der Regierung jedoch unterm Strich mit ihrem politischen Rezept weiterhin auf dem richtigen Weg zu sein (HPL).
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HBF-VOLLTEXT
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Das satte Einwanderungsplus der letzten Jahre (vgl. zuletzt HBF 21.01.15) wird die weitreichenden Folgen der Schrumpf-Alterung des Landes bestenfalls abmildern, nicht verhindern können (vgl. z.B. HBF 22.01.15). Ein FAZ-Kommentator verlangte deshalb gestern von der Politik, die eigentliche Ursache des demographischen Abwärtstrends endlich offen zu benennen und entschieden anzugehen:
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DIE GROSSE REPARATUR
Über die Ursachen des Mangels an Fachkräften wird geschwiegen – es fehlen Kinder
Von Jasper von Altenbockum
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(…)  Denn was sind eigentlich die Ursachen dafür, dass Deutschlands Wohlstand ohne Masseneinwanderung nicht mehr erwirtschaftet werden kann? Die Ursache ist nicht der Fachkräftemangel, wie immer getan wird. Das ist allenfalls ein Symptom. Die Ursache ist die schwache Geburtenrate. Mindestens so sehr wie über die Einwanderung sollte darüber gestritten werden, worin Politik und Wirtschaft erfolgreicher waren: in der Senkung oder der Steigerung dieser Geburtenrate. (…)
Die Bundesregierung nimmt allerdings für sich in Anspruch, mit ihrer „modernisierten Familienpolitik“ (vgl. dazu z.B. die zusammenfassende Übersicht  sueddeutsche.de 30.12.12 und die HBF-Kategorie „Arbeitsmarkt- statt Familienpolitik“) hier bereits gegenzusteuern.
Tatsächlich bestätigt der vom Bundesfamilienministerium ohne Aufhebens veröffentlichte aktuelle Monitor Familienforschung (Ausgabe 34 vom 29. Januar 2015) praktisch das glatte Gegenteil. Er beschreibt präzis die politisch zu verantwortenden Fehlentwicklungen, die gerade beim Vergleich mit dem demographisch erfolgreichen Frankreich besonders deutlich werden:
Der Vergleich der Geburtenentwicklung zeigt, dass in Frankreich insgesamt mehr Kinder geboren werden. Französinnen bleiben seltener kinderlos und haben häufiger drei oder vier Kinder. Abbildung 1 verbildlicht die höhere Geburtenrate der Französinnen: Sie gebären im Durchschnitt 2,0 Kinder pro Frau, deutsche Frauen nur 1,4 Kinder. Seit 2007 ist die Geburtenrate in Frankreich sogar noch leicht angestiegen.
Französinnen haben, bis sie 30 Jahre alt sind, im Durchschnitt 0,9 Kinder pro Frau geboren, deutsche Frauen hingegen nur 0,5. Mit 35 Jahren haben Französinnen bereits 1,6 Kinder, deutsche jedoch erst 1 Kind pro Frau. Dies ist insofern von Bedeutung, weil ab 35 Jahren das Gesundheitsrisiko deutlich ansteigt: Medizinerinnen und Mediziner empfehlen, dass Frauen bis 35, spätestens bis 40 ihre gewünschte Kinderzahl realisiert haben sollten.
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aus: Familienbilder in Deutschland und Frankreich. Monitor Familienforschung. Ausgabe 34. Bundesfamilienministerium 29. Januar 2015, S. 10

Der anhaltende Anstieg des sogenannten Erstgebälters von Müttern in den letzten Jahren (vgl. zuletzt HBF 08.12.14) und damit des Risikos, weitere bestehende Kinderwünsche aus Altersgründen nicht mehr umsetzen zu können, ist laut den als Regierungsgutachter aktiven Experten des Rheinisch-Westfälisches Instituts in Essen (RWI) maßgeblich eine Folge der „modernisierten Familienpolitik“. Sie setze Anreize, die Geburt von Kindern auf einen späteren Zeitpunkt hinauszuschieben (vgl. HBF 23.05.14, Premium). Das gilt gerade für das Elterngeld, wie der Demographieforscher Martin Bujard bereits 2013 in einer Studie für die Konrad Adenauer Stiftung feststellte (vgl. HBF 03.06.13, Premium).

Als weiteren Unterschied zu Frankreich und (Mit-)Ursache für die vergleichweise geringe Geburtenrate hierzulande nennt der Monitor Familienforschung den durch die Hartz-Gesetze „modernisierten Arbeitsmarkt“ mit seinem vergrößerten Niedriglohnsektor und dem Anstieg der „atypischen“ Beschäftigung gerade für Frauen und Mütter:

Außerdem arbeiten deutsche Alleinerziehende ungleich häufiger im Niedriglohnsektor – auch wenn sie erwerbstätig sind, sind sie daher häufiger auf Sozialleistungen angewiesen als Französinnen (Jaehrling et al. 2014:349). (…)
Tatsächlich steigt in Deutschland die Müttererwerbstätigkeit an, eine Entwicklung, die vor allem darauf zurückgeht, dass neue Arbeitsplätze in Teilzeit und in atypischen Beschäftigungen entstanden sind. (…)
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aus: Familienbilder in Deutschland und Frankreich. Monitor Familienforschung. Ausgabe 34. Bundesfamilienministerium 29. Januar 2015,  S. 20

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hatte im Herbst letzten Jahres sogar selbst auf einen besonders fatalen Aspekt der rot-grünen „Arbeitsmarktreformen“ hingewiesen:

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Familienministerin :
Befristete Jobs wirken wie die Anti-Baby-Pille
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Diese Rahmenbedindungen auf dem Arbeitsmarkt in Kombination mit der arbeitsmarktzentrierten „Familienpolitik“ (samt ihren Kürzungen arbeitsmarktunabhängiger Familien-/Sozialleistungen) der letzten Jahre sorgen dafür, daß die Entscheidung für Kinder in Deutschland von Frauen als wirtschaftlich weitaus riskanter eingestuft wird als in Frankreich, wie der Monitor Familienforschung festhält:
6.1 Wirtschaftliche Stabilität und Vereinbarkeit
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In Bezug auf die wirtschaftliche Stabilität hat sich die Situation für viele junge Eltern in Deutschland in den letzten Jahren verbessert: Einkommenseinbußen mit der Geburt von Kindern werden in geringerem Umfang befürchtet als noch 2007. Die Einführung des Elterngeldes spielt hier eine wichtige Rolle. Französinnen und Franzosen befürchten sogar noch etwas stärkere Einkommenseinbußen mit der Geburt von Kindern, trotzdem bleiben hier nur 10 Prozent dauerhaft kinderlos.
Anders ist die Situation in Westdeutschland, hier bleiben Frauen mehr als doppelt so häufig kinderlos – eine Karriere und eine Elternschaft schließen sich hier häufiger aus. In vielen Punkten zeigen sich größere Ähnlichkeiten zwischen Frankreich und Ostdeutschland: Ostdeutsche und französische Mütter sind mit einem durchschnittlichen Umfang von 30 Stunden pro Woche erwerbstätig.
Die Befragung zeigt bestehende Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die in Deutschland weniger positiv eingeschätzt wird. In den letzten Jahren wurde mit vereinten Kräften die Kindertagesbetreuung für unter 3-Jährige ausgebaut mit großen regionalen Differenzen. Für die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei nicht nur das Kleinkindalter entscheidend. Mindestens ebenso wichtig ist das Angebot an verlässlicher Betreuung für Kindergarten- und Schulkinder.
Bei der wirtschaftlichen Stabilität zeigt sich vor allem Handlungsbedarf für diejenigen Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, was überproportional häufig auf kinderreiche Familien und auf Alleinerziehende zutrifft (BMFSFJ 2014).
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aus: Familienbilder in Deutschland und Frankreich. Monitor Familienforschung. Ausgabe 34. Bundesfamilienministerium 29. Januar 2015, Seite 31
Trotz dieser Fakten bescheinigt Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig der Regierung jedoch unterm Strich mit ihrem politischen Rezept für die Familien weiterhin auf dem richtigen Weg zu sein:
Wenn wir in Deutschland über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprechen, geht der Blick schnell ins Nachbarland Frankreich. Dank gut ausgebauter Kinderbetreuung ist dort möglich, was hierzulande lange unmöglich erschien: Es ist normal, dass beide Partner erwerbstätig sind und oft auch mehrere Kinder haben.
In das Bild, das sich Menschen von Familie machen, fließen Wünsche und Normen ebenso ein wie die Rahmenbedingungen. Welche Familienbilder in Frankreich und Deutschland den Alltag der Familien prägen, hat das Institut für Demoskopie Allensbach in einer Befragung ermittelt. Die Ergebnisse zeigen interessante Veränderungen: Immer mehr Mütter in Deutschland kehren früher in den Beruf zurück. Gleichzeitig betreuen mehr Väter als jemals zuvor ihre Kinder. Jeder dritte Vater nimmt sich mithilfe des Elterngeldes Zeit für die Familie. Durch das Elterngeld, den Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen ist es in Deutschland einfacher geworden, Beruf und Familie zu vereinbaren.
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aus: Familienbilder in Deutschland und Frankreich. Monitor Familienforschung. Ausgabe 34. Bundesfamilienministerium 29. Januar 2015,  Vorwort von Manuela Schwesig S. 2
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Zum Thema siehe auch: