Bildungspolitik_und_Steuerfall_Hoeness_140413pl

(Aus)Bildungspolitik mit der Brechstange:

Was der (Steuer-)Fall Hoeneß lehrt

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HBF-AKTUELL Tübingen 14. März 2014, erstellt 14:50 Uhr, Stand 20:26 Uhr

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Der Präsident der FC Bayern Uli Hoeneß ist gestern wegen massiver Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden (HPL). In der Öffentlichkeit wird die Entscheidung als Sieg des Rechtsstaats gefeiert, der sich vom Ansehen und Einfluß des mächtigsten Fußballmanagers im Land nicht habe beeindrucken lassen (HPL). Der tiefe Sturz des sozialen Aufsteigers aus Ulm ist allerdings ein Lehrstück für eine Gesellschaft, die wirtschaftlichen Erfolg faktisch zu ihrem zentralen Maßstab gemacht hat.

Diese Notwendigkeit sieht allerdings die Bundesregierung mit Blick auf die Schrumpf-Alterung der Bevölkerung, wie sie gerade erst in einem aktuellen Bericht bekräftigt hat (HPL). Auch die Bildungsminister/innen teilen diese Auffassung, von der sie sich deshalb – trotz massiven Widerstands (HPL) – nur höchst ungern verabschieden wollen. Schließlich können sie sich auf mächtige Verbündete berufen (HPL).

Dabei illustriert nicht nur der Fall Hoeneß (HPL), daß das derzeit politisch angestrebte „Bildungsideal“ unter einer gesellschaftspolitisch gefährlichen Verengung leidet (HPL).

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HBF-Volltext-Version

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Der Präsident der FC Bayern Uli Hoeneß ist gestern wegen massiver Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. In der Öffentlichkeit wird die Entscheidung als Sieg des Rechtsstaats gefeiert, der sich vom Ansehen und Einfluß des mächtigsten Fußballmanagers im Land nicht habe beeindrucken lassen.

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F.A.Z., Freitag, den 14.03.2014 Politik 1

Bürger Hoeneß

Das Urteil gegen den Fußballmanager lässt viele Fragen offen – zu viele.

Von Albert Schäffer

Viel ist vor dem Prozess gegen Uli Hoeneß von einem „Prominenten-Malus“ oder einem „Prominenten-Bonus“ die Rede gewesen. Davon bleibt nach dem Urteil gegen den langjährigen Präsidenten des FC Bayern nicht mehr viel übrig. Das Münchner Gericht hat über den Bürger Hoeneß Recht gesprochen. (…)

Der Steuerstaat gewährt Reumütigen, die beizeiten auf die Seite des Rechts wechseln, sogar Straffreiheit. Hoeneß hat mit seiner verunglückten Selbstanzeige diesen Weg nur halbherzig beschritten; die Folgen muss er, sollte das Urteil in der Revision Bestand haben, tragen. Vergeblich war sein verzweifelter Versuch nicht, den Steuerfahndern einen Schritt voraus zu sein: Die Münchner Strafkammer ist ihm im Strafmaß weit entgegengekommen. Die Botschaft an andere Steuersäumige ist eindeutig; jede Art von Umkehr wird honoriert.

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Der tiefe Sturz des sozialen Aufsteigers aus Ulm ist allerdings ein Lehrstück für eine Gesellschaft, die wirtschaftlichen Erfolg faktisch zu ihrem zentralen Maßstab gemacht hat.

Diese Notwendigkeit sieht allerdings die Bundesregierung mit Blick auf die Schrumpf-Alterung der Bevölkerung, wie sie gerade erst in einem aktuellen Bericht bekräftigt hat:

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1. Einleitung

Fachkräfte Sicherung stellt eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben für Deutschland dar, Fachkräfte mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus werden in allen Bereichen benötigt, um den gesellschaftlichen Wohlstand zu halten und Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu ermöglichen. Verstärkt durch den demografischen Wandel, ergeben sich hierdurch auch neue Erwerbschancen für Gruppen, die bislang weniger am Arbeitsmarkt teilhaben konnten. Durch wirkungsorientierte Anstrengungen zur Sicherung der Fachkräftebasis kann der Rückgang an Beschäftigten ausgeglichen werden,

Fachkräfte Sicherung wird in der Koalitionsvereinbarung zum einen als Garant für Wohlstand und Wachstum benannt, gleichzeitig aber auch eng verwoben mit den Zielen der Chancengerechtigkeit und der Möglichkeit, Menschen bessere Erwerbschancen zu ermöglichen.

(aus: FORTSCHRITTSBERICHT 2013 zum Fachkräftekonzept der Bundesregierung. Januar 2014)

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Auch die Bildungsminister/innen sehen in der früheren Befähigung und Beteiligung der Kinder und Jugendlichen am Arbeitsmarkt ihre zentrale politische Aufgabe:

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Die Geburt des G8 – Wie fast alle Länder auf Tempo setzten: Nach dem Pisa-Schock sollte fast alles besser werden an den Schulen. Die Kinder sollten früher in die Schule, schneller ins Studium und auf den Arbeitsmarkt. Die Kultusminister strichen in vielen Bundesländern das 13. Schuljahr, ohne jedoch Stoff und Stundenzahl wirklich zu reduzieren.

(aus: Streit um verkürztes Gymnasium: Turbo-Abi in der Reifeprüfung. SPIEGEL ONLINE 28. November 2012, 18:57 Uhr)

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Der Anspruch einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung ist dabei auf der Strecke geblieben. Das gilt insbesondere für die Fähigkeit zu gemeinwohlorientiertem Verhalten, daß der kontrollierende Staat nicht erst erzwingen muß.

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Es stört mich, dass die Wirtschaft nur auf Verwertbares schaut und keinen Begriff davon hat, dass Bildung auch Persönlichkeitsbildung und breite kulturelle Bildung bedeutet. Die Probleme, die wir mit G8 haben, hat uns zu großen Teilen die Wirtschaft eingebracht. Stoiber hat sich damals das schnelle Abitur von der Wirtschaft einreden lassen und ist dann vorgeprescht.

(aus: „Lieber ein Ende mit Schrecken“. Der Präsident des Lehrerverbandes, JOSEF KRAUS, würde lieber wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren. Frankfurter Rundschau 14.03.2014)

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siehe dazu auch:

Vodafone Stiftung 19.04.2011

ALLENSBACH-STUDIE ZUR SCHUL- UND BILDUNGSPOLITIK IN DEUTSCHLAND

Lehrer und Bevölkerung sind sich einig: Schule soll nicht nur Wissen, sondern auch Werte vermitteln – praktische Umsetzung schwierig

Heinz-Peter Meidinger, Prof. Dr. Renate Köcher, Dr. Mark Speich und Danyal Alaybeyoglu

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Dr. Mark Speich Geschäftführer Vodafone Stiftung

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Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland: „Die Ergebnisse der diesjährigen Untersuchung machen einmal mehr deutlich, dass die Qualität von Schule und Unterricht in hohem Maße von außerschulischen Faktoren wie etwa Erziehungsdefiziten im Elternhaus geprägt ist. Um gerechte Bildungschancen und optimale Fördermöglichkeiten für Kinder zu schaffen, ist es aus unserer Sicht deshalb zwingend notwendig, so früh wie möglich Eltern bei der Bewältigung ihrer hoch anspruchsvollen Erziehungsaufgabe zu stärken. Das Gelingen der gemeinsamen Erziehung durch Eltern und Schule muss als eine der wichtigsten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahre verstanden werden. Vor diesem Hintergrund nimmt die Vodafone Stiftung beispielsweise mit dem neu gestarteten familY-Programm die Rolle des Elternhauses als zentrale Bildungsinstitution intensiv in den Blick.“

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Hinzu kommt die offenkundige Überlastung von Schülern und ihren Eltern durch dieses einseitige und dirigistische Bildungsverständnis der Politik, das immer massiveren Widerstand provoziert:

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Welt Online 13.03.14

Breites Bündnis macht bundesweit Front gegen Turbo-Abi

Berlin – Nach der Rechtschreibreform ist das Turbo-Abi nach acht Gymnasial-Jahren die umstrittenste Entscheidung der Kultusminister. In vielen Ländern können Eltern nach heftigen Protesten bereits heute zwischen G8 und G9 wählen. Niedersachsen will das Turbo-Abi wieder ganz abschaffen.

Ein breites Bündnis von Eltern, Schülern, Lehrern, Ärzten und Psychotherapeuten macht sich nun bundesweit für die Rückkehr zu einer 13-jährigen Schulzeit bis zum Abitur stark. Es gebe «kein einziges pädagogisches Argument» für das «Turbo-Abi» nach nur acht Jahren am Gymnasium (G8), sagte die Sprecherin der Initiative, die Psychologin Anja Nostadt. Die verkürzte Schulzeit führe zu mehr Stress, mache mehr Schüler krank. Zugleich litten sportliche und kulturelle Aktivitäten. (…)

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Erklärung G9-Initiative 13.03.2014 | 11:30

Eltern, Schüler, Lehrkräfte, Ärzte und Psychotherapeuten für mehr Zeit für Bildung

Berlin (ots) – Initiativen, Parteien und Verbände aus der gesamten Bundesrepublik fordern die Politik auf, den Wunsch der übergroßen Bevölkerungsmehrheit nach einer Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zu respektieren (….)

1. Erklärter Willen der Bevölkerungsmehrheit gegen G8 und für mehr Zeit für Bildung (…)

11. Forderungen an die Landesregierungen, die ihren Gymnasien die G9-Option immer noch verweigern (…)

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Tagesspiegel 20.02.2014 17:52 Uhr

Gymnasium: G8 oder G9?

DIE SCHULE GEHÖRT NICHT DER WIRTSCHAFT

Abiturienten sollten schneller in den Beruf. Deshalb wurde G8 geschaffen, das achtjährige Gymnasium. Doch das Blatt hat sich gewendet. Die Deutschen wollen sich ihr Leben nicht mehr von der Wirtschaft diktieren lassen – egal ob in der Bildung oder bei der Rente.

von Fabian Leber

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Noch will sich die Politik der Forderung nach einer Abkehr vom Turbolernen nicht beugen. Schließlich kann sie sich auf mächtige Verbündete berufen:

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SPIEGEL Online 13. März 2014, 16:44 Uhr

Streit ums Turbo-Abi

INITIATIVEN ERHÖHEN DRUCK AUF KULTUSMINISTER

Im Streit um das Turbo-Abi machen die Gegner Druck: In Berlin gaben Initiativen aus mehreren Bundesländern eine gemeinsame Erklärung ab. Die G8-Reform sei „absolut gescheitert“. WIRTSCHAFT UND POLITIK WOLLEN AM ACHTJÄHRIGEN GYMNASIUM FESTHALTEN.

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Dabei illustriert nicht nur der Fall Hoeneß, daß das derzeit politisch angestrebte „Bildungsideal“ unter einer gesellschaftspolitisch gefährlichen Verengung leidet:

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DeutschlandRadio Kultur, Lesart / Beitrag vom 02.03.2014

Wirtschaft

Benedikt Herles: „Die kaputte Elite

Unzufrieden: Ein Demonstrant im Bankenviertel von Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Ein Insider gibt erstaunliche Einblicke hinter die Kulissen elitärer Business Schools und Chefetagen.

Ein Sozialexperte analysiert die neoliberale Propaganda von der Wirtschaftsbremse Sozialstaat.

Cover: „Die kaputte Elite“ von Benedikt Herles (Knaus Verlag)

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Hinter der Fassade der elitären Wirtschaftsschulen und der brillanten Unternehmensberater versteckt sich eine wahrhaft kaputte Elite. Menschen mit hohem IQ, aber keinerlei Reflexionsvermögen. Menschen ohne echtes Verständnis von den Unternehmen und Märkten, denen sie angebliche Lösungen für virtuelle Probleme präsentieren – und in Wahrheit allzu oft selbst das Problem sind.

Diese Klage ist nicht neu. Neu ist, dass einer wie Dominik Herles sie ausspricht: Er hat selbst an einer Elite-Business-School studiert und ist als Berater um die Welt gejettet. Er hat sich in wenigen Stunden Scheinwissen ergoogelt und anschließend mit Power-Point-Präsentationen geblendet. Seine Faustregel: für eine Stunde Vortrag bis zu Hundert Folien, perfekt formatiert, damit sie im Schnelldurchlauf glänzen. Für die Inhalte nimmt sich eh niemand Zeit.

Benedikt Herles ist ausgestiegen, aber er ist kein Linker. Er steht zu Kapitalismus und Wirtschaftswachstum. Beides aber sieht er durch eine kaputte Elite gefährdet und belegt diese These mit erstaunlichen Erlebnissen. Eine Lösung zur Rettung von Wirtschaft und Gesellschaft hat er natürlich nicht parat. Aber wie sagt er selbst? „Mit 29 Jahren kann ich eines nicht: die Welt erklären.“

Benedikt Herles: Die kaputte Elite. Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen

Knaus Verlag München

173 Seiten, 16,99 Euro; als Ebook 13,99 Euro

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Welt am Sonntag 15.12.2013

Uneinsichtige Deutsche

Frank Stocker

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, heißt es. So gedacht könnte die Finanzindustrie auf gutem Wege sein. Denn in einer Umfrage des CFA Institute, eines Berufsverbandes von Finanzexperten, beklagt über die Hälfte der Mitglieder (genau 54 Prozent) mangelnde ethische Standards in der eigenen Branche. (…) ausgerechnet die CFA-Mitglieder hierzulande fallen aus dem Rahmen. Von ihnen sehen nämlich 31 Prozent die größte Gefahr für den heimischen Markt gerade in der Überregulierung, so viele wie sonst nirgends auf der Welt. Mancherorts wächst der Baum der Erkenntnis eben langsamer.

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Süddeutsche Zeitung 06. November 2013

DUBIOSE AKTIENDEALS

Finanzkonzerne sollen sich den Staat um einen zweistelligen Milliardenbetrag betrogen haben

Akte Flora: Der Erste packt aus

Ein Beschäftigter der Hypo-Vereinsbank erzählt, wie der Fiskus jahrelang systematisch ausgenommen worden sei

Von klaus ott

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TELEPOLIS 02.06.2010

EMPATHIE TROCKNET BEI DER „GENERATION ICH“ AUS

Nach einer Studie ist bei US-Studenten die Empathie in den letzten 30 Jahren drastisch gefallen, besonders stark ab dem Jahr 2000

Florian Rötzer

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SPIEGEL Online 30. Oktober 2013, 11:36 Uhr

KONKURRENZKAMPF AN UNIS

Die schmutzigen Tricks der Karrierestudenten

Es geht um Noten, Praktika und die Gunst der Professoren: Viele Studenten liefern sich einen harten Wettbewerb, mit zum Teil üblen Methoden. Der Konkurrenzdruck kann das Studium vermiesen, Freundschaften zerstören, manche brauchen sogar psychologische Hilfe.

Von Jonas Leppin

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Zum Thema siehe auch:

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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