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Aufwertung der Zuwendungsarbeit:

Bloß ein Thema für radikale Kapitalismuskritiker/innen?

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HBF-Lese-Tip Tübingen 26. März 2014, erstellt 21:22 Uhr, Stand 21:33 Uhr

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Der bessere Zugang zur Erwerbsarbeit ist für Bundesministerin Manuela und die schwarz-rote Bundesregierung der Königsweg zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen. Kritikerinnen ist das zuwenig. Sie fordern eine grundsätzliche Aufwertung der Zuwendungsarbeit. Innerhalb der praktizierten kapitalistischen Systemlogik sei das jedoch nicht möglich, wie sie in einem neuen Manifest erläutern:

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Neues Deutschland 26.03.2014

Vor der Care Revolution kommt die Care Resolution

Erklärung der Aktionskonferenz Care Revolution für eine bedürfnisorientierten Ökonomie.

Eine Dokumentation

 

 Vom 14. bis 16. März 2014 trafen wir uns, ca. 500 Menschen, die in verschiedenen Feldern sozialer Reproduktion – Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushalts- und Sexarbeit – politisch aktiv sind, zu einer ersten Aktionskonferenz Care Revolution. Über drei Tage hinweg tauschten wir persönliche und politische Erfahrungen – zunächst überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum – aus und diskutierten, wie grundlegende Veränderungen hin zu einer bedürfnisorientierten Care-Ökonomie angestoßen werden können. Von unterschiedlichen Standpunkten kamen wir zu der Überzeugung, dass dies nur durch eine starke Care-Bewegung gelingen kann. Auch deshalb gingen wir am Samstagnachmittag mit einer Aktion »Das Unsichtbare sichtbar machen: Care auf die Straße tragen« in Berlin in die Öffentlichkeit. Zum Abschluss der Konferenz verständigten wir uns auf gemeinsame Thesen und Forderungen, auf deren Grundlage wir in einem Netzwerk Care Revolution auch in Zukunft weiterarbeiten werden. Die Erklärung erschien zuerst hier.

 

 1. Alltagserfahrungen in der Krise

 

 In der aktuellen Krise leben und arbeiten viele unter Druck: Zeitstress und Angst vor einer ungewissen Zukunft bestimmen den Alltag. Einige müssen immer mehr arbeiten, andere finden keine Jobs oder haben trotz Job nicht genug zum leben. Hinzu kommt die Sorge um sich und andere: Kinder, Alte, Kranke, Freund_innen, Angehörige. Erholung, Muße und die Möglichkeit, Gesellschaft mit zu gestalten, scheinen für immer mehr Menschen unerreichbar. Die Sparmaßnahmen, die als einzige angebliche Lösung zur Krise des Kapitalismus präsentiert werden, untergraben die Errungenschaften queerfeministischer und anderer emanzipatorischer Kämpfe.

 

 Viele sind von Armut, Gewalt oder struktureller und individueller Diskriminierung betroffen. Für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus steht fast alles unter Vorbehalt. Herrschende Vorstellungen davon, wie Menschen zu sein haben, greifen weit ins Leben ein. Menschen, die dem nicht entsprechen, erfahren Unsicherheit und werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Ein Gutes Leben sieht definitiv anders aus!

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 2. Der Markt verdrängt das Soziale: Dienstleistungen und Beziehungen unter Druck

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 3. Sorgearbeit: die unsichtbare Seite der kapitalistischen Ökonomie

 

Für die Sorge um uns und andere fehlen Zeit und Wertschätzung. Wo Sorgearbeit als Erwerbsarbeit geleistet wird, steht sie unter Kostendruck, ist der kapitalistischen Profitlogik unterworfen. An allem wird gespart: Löhne werden gedrückt, Zeit und materielle Absicherungen knapp gehalten. (Nicht nur) unter solchen Bedingungen gibt es in Care‐Beziehungen Abhängigkeiten, die zu körperlicher, sexualisierter und psychischer Gewalt führen können.

Der größte Teil der Sorgearbeit wird weiterhin unbezahlt geleistet – bleibt gesellschaftlich unsichtbar. Wegen der mangelhaften öffentlichen Versorgung wird Sorgearbeit wieder in die Haushalte verschoben. Ihre zwischenmenschliche Qualität muss sich aber auch hier gegen zeitlichen und finanziellen Druck sowie Überforderung behaupten. Damit wird sie zur Doppelt‐ und Dreifachbelastung.

 Wer für wen sorgt, wie gut jemand für sich und andere sorgen kann, und wer wie viel Lohn und Anerkennung für geleistete Sorgearbeit erhält – all das ist entlang von Herrschaftsverhältnissen organisiert:

Beispielsweise wird auf Grund patriarchaler Verhältnisse bezahlte wie unbezahlte Sorgearbeit noch immer eher Frauen*(1) zugewiesen, geht ihnen angeblich quasi ‚natürlich’ von der Hand. Dadurch werden Fachkompetenzen abgewertet, das Geleistete als Selbstverständlichkeit missachtet.

Niedrige Löhne in Sorgeberufen und ein elitäres Bildungssystem führen dazu, dass sich in der Care‐Arbeit außerdem soziale Ungleichheiten verfestigen. Ähnliches gilt – gestützt auf globale Lohnunterschiede – auch für eine rassistische Arbeitsteilung: migrantische Carearbeiter_innen können im globalen Norden zu Billiglöhnen ohne soziale Absicherung angeworben werden. Asyl‐, Arbeitsrecht und Diskriminierungen bestimmen den Zugang.

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 5. Sorgearbeit aufwerten – eine Kultur der Fürsorglichkeit absichern

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 Sorgearbeit ist eine Bedingung menschlicher Existenz und Voraussetzung für die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens. Ihre Ökonomisierung muss gestoppt werden.

 Statt Sorgearbeit ins Unsichtbar‐Private zu drängen und denen aufzuhalsen, die am stärksten isoliert und am wenigsten in der Lage sind, sich zu wehren, gilt es sie zu einem zentralen Gegenstand politischer Aushandlung zu machen. Care ist ein Grundrecht und liegt in gesellschaftlicher Verantwortung.

 Diskriminierungen und Gewalt, die mit Sorgearbeit verbunden sind, gilt es abzubauen: Care ist nicht Frauen*‐Sache, der gesellschaftliche Bedarf muss von allen Menschen getragen werden. Unsere Care‐Krise darf nicht auf Kosten des globalen Südens gelöst werden.

Sofern Sorgearbeit als Erwerbsarbeit geleistet wird, muss sie von gut bezahlten und gut ausgebildeten Fachkräften verrichtet werden, die über ausreichende materielle und Zeitressourcen verfügen. Dies ist im Interesse der Care‐Arbeiter_innen und der Sorge‐ Empfänger_innen. Dennoch können Interessenwidersprüche entstehen, die demokratisch ausgehandelt und bearbeitet werden müssen.

Menschen, die Assistenz, Pflege oder Betreuung benötigen, müssen über deren Charakter sowie über institutionelle Formen selbst entscheiden können. Die Achtung der Selbstbestimmungsrechte von Kranken, Pflegeerhaltenden, Assistenznehmenden sowie von Kindern und Jugendlichen ist oberstes Gebot jeder Sorgearbeit.

Wer Sorgearbeit individuell oder zusammen mit anderen leisten will, muss durch entsprechende Arbeitszeitmodelle und gesellschaftliche Regelungen dafür materiell und zeitlich abgesichert werden. Dazu gehört es auch, flexibel und selbstbestimmt zwischen verschiedenen Tätigkeiten (Erwerbs‐, Sorgearbeit, politische Arbeit, Muße und Bildung) abwechseln zu können.

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Bislang sehen die etablierten Parteien und Verbände jedoch keinen Anlaß, dieser Kritik an der Geringschätzung der Zuwendungsarbeit in unserer Gesellschaft mit einem eigenen Alternativkonzept entgegenzutreten.

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Zum Thema siehe auch:

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Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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