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Neues vom KITA-Ausbau (2):

Statistik und Lebenswirklichkeit bei der Krippenbetreuung:

Billige PR-Erfolge der Politik wichtiger als Kindeswohl

/ Elternvertretung entsetzt

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HBF-AKTUELL Tübingen 02. Juli 2014, erstellt 20:20 Uhr, Stand 21:55 Uhr

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Beim Kita-Ausbau hat, so die Regierungsberater/innen im aktuellen Bildungsbericht, bislang der quantitative Aspekt im Vordergrund gestanden, während die Qualitätsfrage vernachlässigt worden ist (vgl. HBF-Infodienst 2014). Gerade bei den zahlenmäßig mit Krippen sehr gut versorgten ostdeutschen Bundesländern gib es in dieser Hinsicht längst bekannte, massive Defizite. Nach den einschlägigen Statistiken kann der Westen wenigstens bei der Qualität mit einem deutlich besseren Angebot punkten (vgl. dazu z.B. HBF-Infodienst 2013).

Eine aktuell diskutierte Qualitätsstudie hat diese Gewißheit jedoch schwer erschüttert (HPL). Folgt man ihrem realitätsnahen Meßansatz, dann weisen selbst die offiziellen Qualitätsvorreiter in Westdeutschland besorgniserregende Lücken auf. Eine Landesregierung, die diese Zahlen nicht entkräften kann, rechtfertigt ihre Weigerung zu raschen Korrekturen allerdings damit, daß sie bereits ein (zugkräftiges) Wahlversprechen umgesetzt habe (HPL). Eine Rücknahme zur Finanzierung der pädagogisch angesagten Qualitätsverbesserungen sei deshalb keine Option. Angesichts dieser unverblümten Argumentation sind die Elternverbände entsetzt (HPL).

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HBF-VOLLTEXT

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Beim Kita-Ausbau hat, so die Regierungsberater/innen im aktuellen Bildungsbericht, bislang der quantitative Aspekt im Vordergrund gestanden, während die Qualitätsfrage vernachlässigt worden ist (vgl. HBF 23.06.14). Gerade bei den zahlenmäßig mit Krippen sehr gut versorgten ostdeutschen Bundesländern gib es in dieser Hinsicht längst bekannte, massive Defizite. Nach den einschlägigen Statistiken kann der Westen wenigstens bei der Qualität mit einem deutlich besseren Angebot punkten: Während in Ostdeutschland der Personalschlüssel in Krippen bei durchschnittlich 6 U3-Kindern pro Betreuungskraft liegt, sind es im Westen nur 3,7 Kinder (vgl. dazu die Statistik z.B. in HBF 31.07.13).

Eine aktuell diskutierte Qualitätsstudie hat diese Gewißheit jedoch schwer erschüttert. Der Personalschlüssel, den etwa das Statistische Bundesamt oder die Bertelsmann Stiftung für ihre regelmäßigen Veröffentlichungen ermitteln, geben nur ein unvollkommenes Bild der tatsächlichen Betreuungslage wieder. Bei der Berechnung sind Urlaub, Krankheit und Fortbildung nicht eingerechnet, wie die Bildungsforscherin Susanne Viernickel von der Berliner Alice Salomon Hochschule laut taz-Bericht erläutert (vgl. dazu auch ausführlich  HBF 13.02.12 und Anmerkung 1). Folgt man ihrem realitätsnahen Meßansatz, dann weisen selbst die offiziellen Qualitätsvorreiter in Westdeutschland besorgniserregende Lücken auf. Demnach ergibt sich etwa für den Stadtstaat Hamburg ein zusätzlicher Bedarf von insgesamt 4.000 Fachkräften:

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taz 30.06.2014

DIE KLEINSTEN WERDEN SCHLECHT BETREUT

MANGEL In Hamburgs Krippen ist der Erzieher-Kind-Schüssel deutlich zu niedrig, sagt eine Studie. Nötig wären 4.000 weitere Fachkräfte. Der Landeselternausschuss ist über die Zahlen schockiert

von Kaija Kutter

Immer mehr Eltern sind berufstätig und geben ihr Kind schon in jungen Jahren in die Krippe. Doch die Personalschlüssel für die null- bis dreijährigen Kinder seien „miserabel“, sagte die Bildungsforscherin Susanne Viernickel von der Berliner Alice Salomon Hochschule. Wissenschaftlicher Standard sei die Betreuung von 1:4. Real liege der Schlüssel in Hamburg bei 1:7,6.

Viernickel führte für ihre Studie „Schlüssel für gute Bildung“ unter 300 Kitas eine Online-Befragung durch. Im Ergebnis bestätigt sie eine Berechnung, die bereits die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (AGFW) angestellt hat. Statistisch stellt Hamburg eine Fachkraft je 5,7 betreute Babys und Kleinstkinder da. Dabei sind Urlaub, Krankheit und Fortbildung jedoch nicht eingerechnet. Hierfür fehlten 25 Prozent Personal, sagt der AGFW-Vorsitzende Jens Stappenbeck. Im Krankheitsfall sei schon mal eine Erzieherin mit zwölf Kleinkindern allein, so Kita-Leiterin Maren Tilge. Dann müsse man Personal von älteren Kindern abziehen.(….)

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Der Hamburger Senat, kannt diese Zahlen nicht entkräften, rechtfertigt seine Weigerung zu raschen Korrekturen allerdings damit, daß er bereits ein (zugkräftiges) Wahlversprechen umgesetzt habe:

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Nötig, um den 1:4-Schlüssel zu erreichen, seien 4.000 Fachkräfte, sagte Stappenbeck. Weil das nicht realistisch sei, fordere die AGFW zunächst besagte 25 Prozent mehr Personal.

Die Sozialbehörde sieht dafür „gegenwärtig keinen Spielraum“, sagt Sprecher Marcel Schweitzer. Schließlich hat man gerade andere Kita-Wahlversprechen erfüllt: Ab August wird die fünfstündige Kita-„Grundbetreuung“ kostenfrei, was pro Jahr etwa 70 Millionen Euro kostet. Auch das war 2011 eine Forderung des Landeselternausschuss (LEA), der einen Volksentscheid betrieb und dann im Wahlkampf mit der SPD einen „Kita-Frieden“ vereinbarte. Als ersten Schritt nahm die SPD noch im Wahljahr eine umstrittene Gebührenerhöhung zurück, als vorerst letztes soll nun die Beitragsfreiheit folgen.

(aus: ebda)

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Das Angebot der Hamburger Elternvertretung, die beschlossene Beitragsfreiheit für Kitas zunächst zu verschieben, um die dringend nötige Personalaufstockung zu ermöglichen, lehnte der Senat ab:

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Gefragt, ob nicht auch Elternvertreter Prioritäten zu Gunsten der Krippen setzen könnte, sagt Thorsten Peters: „Der LEA hat angeboten, die Betragsfreiheit um ein Jahr zu verschieben.“ Die 70 Millionen Euro hätten für Personalaufstockung in Krippen genutzt werden können. Den Vorschlag habe man Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) gemacht, bevor dieser im März die Beitragsfreiheit verkündete. Doch Scheele lehnte ab. Die kostenlose Grundbetreuung sei laut Schweitzer „nicht verhandelbar“ gewesen. 

(aus: eba.)

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Angesichts dieser unverblümten Argumentation dürfte der Schock des Elternverbands über die Hamburger Kita-Verhältnisse noch lange anhalten.

 

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Zum Thema siehe auch:

 


1) Zu den Grundlagen dieser Berechnungen: Schlüssel zu guter Bildung, Erziehung und Betreuung. Bildungsaufgaben, Zeitkontingente und struktrulle Rahmenbedingungen in Kindertagesstätten. Susanne Viernickel / Iris Nentwig-Gesemann / Katharina Nicolai / Stefanie Schwarz & Luise Zenker. Forschungsbericht. Alice Salomon Hochschule Berlin. Februar 2013. – Die Studie können ist HIER als pdf-Datei verfügbar. – Studienauszug bei HP-PLUS

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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