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Lernen im Turbo-Tempo:

Statistik „dokumentiert“ glänzende Erfolge

Erschöpfte Schüler, empörte Eltern und enttäuschte Wirtschaft sprechen aber eine andere Sprache

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HBF-AKTUELL Tübingen 21. Juli 2014, erstellt 17:55 Uhr, Stand 20:53 Uhr

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Die Beschleunigung des gymnasialen Bildungswegs (im Westen) führt zu immer besseren Schulergebnissen (HPL). Dennoch kommen selbst den PISA-Machern von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) allmählich Zweifel daran, ob das wirklich als Erfolg einzustufen ist (HPL). Selbst die bayerische Landesregierung sieht sich trotz des letzte Woche gescheiterten Volksbegehrens gegen das Turbo/G8-Abitur zu Korrekturen am bisherigen Konzept genötigt (HPL).

Tatsächlich gibt es nicht nur in der Fachwelt schärfste Kritik am „kompetenzorientierten“ Grundansatz der wettbewerbsgerecht-modernisierten Bildungspläne (HPL). Auch die offenkundige Erschöpfung der Abiturienten/innen (HPL) und ihre erkennbaren Defizite machen Eltern und Experten Sorgen (HPL) und sind nicht zuletzt bei der taktgebenden Wirtschaft Anlaß für Enttäuschung (HPL).

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HBF-VOLLTEXT

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Die Beschleunigung des gymnasialen Bildungswegs (im Westen) führt zu immer besseren Schulergebnissen. So ist nicht nur der Notendurchschnitt der Abiturienten/innen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen…:

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Der Westen (WAZ-Gruppe, NRW) 07.05.2013 | 18:39 Uhr

Schule

Abiturnoten werden immer besser – „Früher wurde mehr gesiebt, leider“

Immer mehr Schüler an Rhein und Ruhr machen das Abitur, und zugleich werden die Noten immer besser. Schul-Profi Werner Kehren erklärt, wie das funktioniert – und spricht im Interview über Lehrer, die Schülern nicht die Laufbahn verbauen wollen und Schülern, die nicht fürs Leben, sondern für die Prüfung lernen.

Früher sind zu viele Kinder aussortiert worden, die das Abitur locker geschafft hätten, meint Schul-Profi Werner Kehren. Foto:

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taz 20.06.2012

SCHNELLER UND SCHLAUER

Bildung Im doppelten Abiturjahrgang waren die Zwölftklässler besser als die Schüler mit 13 Schuljahren. Weniger Abiturienten mit Migrationshintergrund

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….zugleich gibt es immer mehr Abiturienten, die zudem immer öfter studieren:

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BILDUNGSBERICHT 2014, Seite 125

Studienanfängerinnen und -anfänger

Die Studienanfängerzahl ist 2013 nach einem Rückgang im Jahr 2012 vor allem wegen des doppelten Abschlussjahrgangs in Nordrhein-Westfalen und in Teilen Hessens erneut über 500.000 gestiegen (Tab. F2-3A). Die Studienanfängerquote (Tab. F2-3A, Tab. F2-8web) liegt seit 2011 deutlich über 50%, auch wenn der Sondereffekt der doppelten Abiturjahrgänge berücksichtigt wird. Die zwischen Bund und Ländern verabredete Zielmarke einer Studienanfängerquote von 40% wird seit 2008 stets überschritten (siehe HBF-Anmerkung 1).

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Dennoch kommen selbst den PISA-Machern von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) allmählich Zweifel daran, ob das wirklich als Erfolg einzustufen ist:

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DIE ZEIT 17. JULI 2014, Nr. 30

WIE AUS MEISTERN MASTER WERDEN

Überfüllte Unis, leere Werkbänke: Was läuft schief im deutschen Bildungssystem? Darüber streiten die Experten Felix Rauner* und Andreas Schleicher*

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ZEIT: Herr Schleicher, Sie sind bekannt als der Mann hinter der Pisa-Studie. Sie raten mehr Menschen zum Studium.

Andreas Schleicher: Junge Menschen sollten sich für einen Ausbildungsweg entscheiden, der lebensbegleitendes Lernen ermöglicht. Ein Studium ist dafür eine gute Wahl, die sich auch in höheren Gehältern und geringerer Arbeitslosigkeit niederschlägt.

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Schleicher: Ich bin Physiker, aber im Bildungsbereich beschäftigt. Solche Wechsel müssen möglich sein. Die Ausbildung ist eine Stärke der deutschen Wirtschaft. Aber sie müsste besser ins Bildungssystem integriert werden.

Rauner: So wie in der Schweiz. Dort entscheiden sich 70 Prozent der Jugendlichen für eine duale Berufsausbildung, weil sie wissen, dass sie nur damit — und mit einem berufsbezogenen Abitur — an einer Fachhochschule studieren können. Hierzulande gibt es mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg duale Bachelor-und Masterstudiengänge, auf die man sich nur bewerben kann, wenn man in einem Unternehmen zur Führungskraft ausgebildet wird.

ZEIT: Herr Schleicher, heißt das, die Forderung der OECD nach mehr Studenten ist zu simpel?

Schleicher: Wir haben nie gesagt, dass jeder einen Hochschulabschluss machen sollte. Was wir sagen, ist: Wir brauchen mehr Menschen mit einer besseren Ausbildung. Nicht indem wir Massen-Unis schaffen, sondern indem wir die Chance bieten, sich immer wieder neu zu orientieren. (…) Ich würde es begrüßen, wenn mehr Studenten einen Teil ihres Studiums bei einer Firma verbringen. (…)

(…) Wir müssen davon ausgehen, dass sich unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft weiter verändern werden. In den Bildungswegen spiegelt sich das nicht wider. Wir haben diese toxische Mischung, dass wir gebildete Menschen haben, die keine Arbeit finden, während Arbeitgeber nach Fachkräften suchen. Da stimmt doch was nicht!

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Das Gespräch führten Inge Kutter und Rudi Novotny

*Felix Rauner leitet die Fachgruppe Berufsbildungsforschung (IBB) der Uni Bremen; Andreas Schleicher leitet das Direktorat für Bildung der OECD

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Selbst die bayerische Landsregierung sieht sich trotz des letzte Woche gescheiterten Volksbegehrens gegen das Turbo/G8-Abitur zu Korrekturen am bisherigen Konzept genötigt:

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sueddeutsche.de 17. Juli 2014 14:59

G8/G9 VOLKSBEGEHREN SCHEITERT MIT 2,9 PROZENT

Die Freien Wähler sind mit ihrem Volksbegehren zur Reform des Gymnasiums gescheitert. Nicht einmal 300.000 Wähler haben sich in die Listen eingetragen Während sich Ministerpräsident Seehofer in seiner Schulpolitik bestätigt sieht, suchen die Initiatoren nach Schuldigen für ihre Niederlage. (…)

Das Volksbegehren der Freien Wähler in Bayern für eine Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium ist sehr deutlich gescheitert. Nur 2,9 Prozent der bayerischen Wähler haben dafür unterschrieben, wie Landeswahlleiterin Marion Frisch am Donnerstag mitteilte. Das waren 272 666 Bürgerinnen und Bürger. (….)

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 16.07.2014

Staatsregierung bastelt am G8,5

Weil das Volksbegehren für das neunstufige Gymnasium so gut wie gescheitert ist, verzichtet Seehofer auf eine große Schulreform. Der bayerische Philologenverband befürchtet, dass das Experimentieren mit dem Flexijahr weitergeht

Von Tina Baier

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Tatsächlich gibt es nicht nur in der Fachwelt schärfste Kritik am „kompetenzorientierten“ Grundansatz der wettbewerbsgerecht-modernisierten Bildungspläne:

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Neue Zürcher Zeitung, 14. Juli 2014

NZZ-Interview

«Den Pisa-Test sollte man abschaffen»

Interview mit Pädagogikprofessor JOCHEN KRAUTZ*

von Claudia Wirz

NZZ: Herr Prof. Krautz, Sie sind gegen Kompetenzen als pädagogisches Konzept. Machen Kompetenzen denn dumm?

Prof. Krautz: Ja, weil durch sie die Bildung abhandenkommt. Die Kompetenzorientierung vernachlässigt Fachinhalte und würdigt sie zu reinen Trainingsobjekten herab. Ob Lesekompetenz anhand des «Faust» oder der Handy-Gebrauchsanweisung erlangt wird, ist dem kompetenzorientierten System egal. Damit gehen Bildungsinhalte schlicht verloren.

NZZ: Kompetenzen ohne Bildung – geht das?

Prof. Krautz: Ja, leider, weil man Kompetenzen auch ohne Inhalte trainieren kann. Bildung ist etwas anderes. Der sich Bildende sucht die Auseinandersetzung mit dem Fachinhalt, will den Inhalt verstehen, Zusammenhänge erkennen und Neuland entdecken. Kurz – er denkt selber. Das selbständige Denken wird durch Kompetenzen aber weniger gefördert. Hier geht es vielmehr um Anpassung und trainierbare Fertigkeiten. (….)

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und HP-PLUS

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*Jochen Krautz ist Professor für Kunstpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. 2007 erschien von ihm das Werk «Ware Bildung – Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie»

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Hinzu kommen gut begründete Zweifel am Leistungsschub der neuen Abiturienten-Generation:

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Wirtschaftswoche online vom 17.07.2014

Warnung des Lehrerverbands

Das Abitur wird entwertet

Werden die deutschen Schüler klüger oder das Abitur leichter? Der Lehrerverband warnt schon mal vor den Folgen der Noteninflation.

Mit den Sommerferien verlassen die Abiturienten die Gymnasien, und es werden von Jahr zu Jahr mehr. 2013 machten 370.650 Schüler in Deutschland ihr Abitur, laut des Statistischen Bundesamtes ist das ein Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und auch 2012 erlangten schon mehr Schüler die Allgemeine Hochschulreife als noch 2011.

Die Abiturienten werden aber nicht nur immer zahlreicher, sie werden offenbar auch von Jahr zu Jahr klüger: Der Anteil derer mit einem Abiturschnitt von 1,0 ist allein zwischen 2006 und 2012 um 40 Prozent gestiegen, wie eine Statistik der Kultusministerkonferenz (KMK) zeigt. So hat es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2002 die Note 1,0 nur 421-mal gegeben, 2012 waren es schon fast 1200-mal. Auch die Durchschnittsnote hat sich in dieser Zeit in den meisten Bundesländern verbessert.

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F.A.Z., Donnerstag den 17.07.2014 Bildungswelten 6

Vom Höhenflug der Noten

Die Abiturienten werden immer besser. Liegt das an den Abiturienten oder daran, dass die Prüfungen immer leichter werden? Kultusbehörden reagieren auf solche Fragen mit Zensur.

Von Rainer Bölling*

*Der Autor lebt als Bildungsforscher in Düsseldorf.

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Auch die offenkundige Erschöpfung und häufige Orientierungslosigkeit der Abiturienten/innen trüben die vermeintliche Erfolgsbilanz des beschleunigten Schulabschluß:

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Deutschlandfunk Hintergrund / Beitrag vom 19.07.2014

Direkt nach dem Abitur wollen viele Schüler erst einmal eine Pause einlegen und nicht direkt an die Uni. (dpa / picture alliance / Thomas Frey)

Abi – und was dann? Über Auszeiten, Studienanfänger und Jobaussichten

Nach der Schule

ABI – UND WAS DANN?

Viele Abiturienten legen nach der Schule erst mal eine Pause ein, um sich zu orientieren. Kritiker sehen die Schuld bei der Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre: Junge Menschen könnten sich in der Oberstufe kaum Gedanken über ihre Zukunft machen. Nun seien die Unis in der Pflicht.

Von Claudia Plaß

(…)

Vier Abiturienten, vier verschiedene Zukunftsvorstellungen. Fragt man die jungen Leute nach ihren Plänen, fallen häufig die Begriffe: Ausland und Pause. Das sogenannte „Gap Year“ zwischen Schule und Hochschule wird immer populärer. (…)

Grundsätzlich befürworten Bildungsexperten eine Orientierungszeit nach der Schule. Der Soziologe und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann sieht in dieser Entwicklung aber auch den Ausdruck einer verfehlten Bildungspolitik. Die Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre führe dazu, dass sich junge Menschen in der Oberstufe kaum Gedanken über ihre Zukunft machen könnten. Mit dem Effekt, dass das Ende der Schulzeit scheinbar plötzlich und unerwartet kommt:

„Das hat sich auch verschärft. Man ist so früh fertig mit dem Abitur, wie man das in den westlichen Bundesländern bisher überhaupt nicht kannte, hat sich da durchgekämpft unter großem zeitlichen Druck – zumindest in diesen ersten Jahrgängen, wo das neu eingeführt wurde – und dann war man fertig und war überhaupt nicht vorbereitet darauf, jetzt mit dem Abitur in der Tasche, weiter zu machen.“ (…)

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Die erkennbaren Defizite der Abiturienten machen Eltern und Experten Sorgen:

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WDR5 17.07.14

Abi nach zwölf Schuljahren, Wegfall der Wehrpflicht: Abiturienten kommen heute manchmal schon mit 16 oder 17 an die Hochschule. Zu früh für ein völlig eigenständiges Leben, finden viele Eltern.

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Orientierung gesucht

Mama muss mit: Studienanfänger im Orientierungs-Dschungel

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Serie (4/6) – Hochschule unter Druck

Von jungen Studis und aufgeregten Helikoptereltern

Verkürzte Schulzeit, übersprungene Klassen – die Erstsemester an den deutschen Universitäten werden immer jünger. Viele verlassen sich auch nach der Schule noch jahrelang auf die Hilfe von Mama und Papa. Studienberatungen und Einführungsveranstaltungen gibt es längst auch für Eltern. Nicola Reyk war für das Morgenecho beim langen Abend der Studienberatung an der Uni Essen.

(…) Keine Psychotherapie, aber eine gute Orientierungshilfe für angehende Studis ist das begleitete Schülerpraktikum, das die Geisteswissenschaften in Essen in diesem Jahr zum ersten Mal anbieten. Acht Gymnasialschüler der 11. Klasse haben ihr Berufspraktikum nicht in einem Betrieb, sondern hier an der Uni Essen gemacht – und zwar in der Luxusversion: zwei Wochen lang hatte jeder Schüler hatte einen eigenen Paten an der Seite. Bei der Abschlussrunde für das Pilotprojekt am Nachmittag gibt es von den Praktikanten jede Menge positives Feedback. Rieke, 17 Jahre, wurde sogar von den älteren Semestern um ihr Praktikum beneidet. „Durch meine Patin hab ich richtig was mitbekmmen vom Studentenleben“, meint sie.

Aber so gut das Patenpraktikum in Essen auch gelaufen ist – massentauglich ist es nicht, denn die intensive Betreuung braucht einen freiwilligen Paten für jeden Schülerpraktikanten. Die private 1:1 – Betreuung durch Mama und Papa dagegen funktioniert in vielen Fällen.

(….)

Audio

Hochschul-Serie (4/6) – Helikoptereltern (17.07.2014)

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Deutschlandfunk Hintergrund / Beitrag vom 19.07.2014

Nach der Schule

ABI – UND WAS DANN?

Viele Abiturienten legen nach der Schule erst mal eine Pause ein, um sich zu orientieren. (….)

Von Claudia Plaß

(…)

Neue Herausforderungen für die Unis

Isabel von Kolbe van de Viewe ist Studienberaterin in der Zentralen Studienberatung an der Uni Göttingen. Die Hochschule wolle Studierende gewinnen, die eine gute und nachhaltige Studienwahl getroffen hätten, sagt sie.

Ob die Schulabgänger mit Einführung von G8 zu jung sind? Schlecht zu generalisieren, sagt von Kolbe:

„Die speziellen Anforderungen, die die G8-ler erfüllen müssen, die setzen auch schon bestimmte Kompetenzen beim Thema Selbstmanagement und Zeitmanagement voraus, also da bringen die auch schon was mit. Dass vielleicht in der Gesamtentwicklung der Person das Thema Entscheidungskompetenz vielleicht noch nicht so reif ist wie bei älteren Studieninteressierten, das kann schon sein – dass es da etwas mehr Anleitung und Führung braucht.

Auch Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg und Vizevorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz, sieht kein Problem im Turbo-Abi. An seiner Uni sind bis zu 50 Studienanfänger noch nicht volljährig, sie brauchen für die Einschreibung noch die Unterschrift der Eltern. Diese Entwicklung stelle die Unis vor neue Herausforderungen (….) Es sei Aufgabe der Unis, sich ihre Studenten, wie er sagt, studierfähig zu machen. Ein Gymnasium könne das nicht leisten.

„Wir hier in Hamburg gründen – und haben das auch schon getan – ein Universitäts-Kolleg, was die Angebote für den Übergang in das Studium versammelt, die die jungen Leute aufnehmen können. Es kann werden Bestandteil eines achtsemestrigen Bachelor-Studiums, wie das international üblich ist, nur damit man sich mal orientiert: Wer in den USA ein Bachelor-Studium aufnimmt, macht vier Semester lang allgemeinbildende Studien und geht dann erst in den spezialisierten Studiengang. Mit anderen Worten: Die Universität wird Aufgaben übernehmen, die man früher den Gymnasien zugewiesen hat, die das Gymnasium aber nicht sinnvoll übernehmen kann, weil wir eben auch Studierende haben, die gar nicht im Gymnasium waren.“ (….)

Flächendeckendes „Studium Generale“

Auch der Soziologe Klaus Hurrelmann sieht die Unis in der Pflicht. Er fordert ein flächendeckendes „Studium Generale“ in Deutschland – in dem sich Studienanfänger nicht sofort auf ein bestimmtes Studienfach festlegen müssen:

„Das setzt die gymnasiale Oberstufe in einer klugen und sinnvollen Weise fort. Und ich sehe immer mit Kopfschütteln, dass wir immer noch nicht diesen Schritt in diese Richtung getan haben.“

Fast ein Drittel der Studierenden beendet das Studium jedes Jahr ohne Abschluss. Offenbar stellen viele junge Menschen fest, dass sie nach der Schule einen Weg eingeschlagen haben, der nicht zu ihnen passt.

Dieter Lenzen von der Uni Hamburg fordert eine Reform der Bologna-Reform von 1999, mit der die Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt wurden. Mit Bologna habe sich das Studium zur Berufsausbildung entwickelt. Das müsse wieder geändert werden. Statt eines Durchhetzens durch sechs Semester Studium mit möglichst guten Noten will er, dass die Hochschulen wieder mehr Gewicht auf Bildung statt auf Ausbildung legen.

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Und nicht zuletzt die bildungspolitisch taktgebende Wirtschaft (HP-PLUS) ist von ihren Turboabsolventen zunehmend enttäuscht und entdeckt den Wert bereits abgeschriebener Tugenden:

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Deutschlandfunk Hintergrund / Beitrag vom 19.07.2014

Nach der Schule

ABI – UND WAS DANN?

Viele Abiturienten legen nach der Schule erst mal eine Pause ein, um sich zu orientieren. (….)

Von Claudia Plaß

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Persönlichkeit statt Ellbogenmentalität, Kreativität statt Stromlinienförmigkeit:

Dieter Lenzen von der Uni Hamburg …..„Nach einer Phase, in der die Unternehmen eine pure Berufsausbildung von den Hochschulen erwartet haben, stellt sich die Erkenntnis bei vielen ein, dass sie eigentlich doch interessiert sind an Persönlichkeiten, denen sie das erforderliche Fachwissen im Betrieb auch selber beibringen können. Ich habe mit einem Personalvorstandschef eines großen Dax-Unternehmens eine Wette abgeschlossen, die ich erfreulicherweise gewonnen habe: Wenn Sie 2000 Leute im Jahr einstellen, dann stellen Sie einige Hundert nicht nach den besten Noten ein, sondern aus dem zweiten Feld, aber mit einseitigen Begabungen. Das haben die gemacht, und sie waren begeistert.“

Lenzen ist überzeugt: Um zu einer Persönlichkeit zu reifen, braucht es Zeit. Ein Jahr in Australien, ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einer Kindertagesstätte oder einfach nur Jobben nach der Schule kann bei diesem Reifungsprozess helfen:

„Wenn wir Persönlichkeiten haben wollen, die Führungsqualitäten und eine gewisse Verhaltenssicherheit und Souveränität entwickeln, dann müssen sie wenigstens die Chance haben, 25 Jahre alt zu werden und ein bisschen Erfahrung gemacht zu haben, die das wirkliche Leben betreffen, und da kann ein ‚Gap Year‘ durchaus sinnvoll sein.“ (…)

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und HP-PLUS

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Zum Thema siehe auch:

 

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1)Studentenzahlen / Studienanfängerquote 1975 bis 2013 / Insgesamt und nach Geschlechtern - HBF-Datenaus: Bildungsbericht 2014, Tabellenanhang

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Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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