Weltkindertag 2014:

Nachwuchs in Deutschland

– Mehr als nützliches „Humankapital“ für die Altenrepublik?

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HBF-Aktuell, Tübingen 19. September 2014, erstellt 15:50 Uhr, Stand 20:00 Uhr

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Den Weltkindertag am kommenden Sonntag (21.09.14) nimmt die Bundesregierung gern zum Anlaß, ihr Engagement für den Nachwuchs des Landes ins rechte Licht zu rücken (HPL). Für die Korrektur der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen fällt es allerdings deutlich sparsamer aus, wie etwa der neueste Kinderwerte-Monitor (vgl. HBF 17.09.14 und HPL) oder eine kürzliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (HPL) illustrieren. Tatsächlich ist der politische Blick auf den Nachwuchs weniger auf dessen Bedürfnisse gerichtet, als vielmehr auf seine Funktion in einer schrumpf-alternden Volkswirtschaft mit seiner von wachsenden Ängsten geplagten Wählerschaft (HPL) gerichtet, wie der Spiegel diese Woche (unfreiwillig) in Erinnerung ruft (HPL). Daß diese Blickverengung kurzsichtig sein könnte, dämmert immerhin der taktgebenden Wirtschaft (HPL). Zudem bröckelt die Bereitschaft der Eltern, bei diesem Modell weiterhin Pate zu stehen (HPL).

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HBF-VOLLTEXT

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Den Weltkindertag am kommenden Sonntag (21.09.14) nimmt die Bundesregierung gern zum Anlaß, ihr Engagement für den Nachwuchs des Landes ins rechte Licht zu rücken:

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weltkindertag.de

Der Weltkindertag 2014 steht unter dem Motto

„Jedes Kind hat Rechte!“

Bundesfamilienministerin Manuela übernimmt die Schirmherrschaft über das Fest

Offizielle Eröffnung durch Bundesjustizminister Heiko Maas

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Für die Korrektur der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen fällt es allerdings deutlich sparsamer aus. Das zeigt etwa der diese Woche veröffentlichte Kinderwerte-Monitor von Geolino und Unicef:

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Ängste von Kindern / Wirtschaftliche bzw. existenzielle Sorgen dominieren - HBF-Datensiehe dazu:

         Hauptsache Arbeit! – Die Botschaft der „Agenda-2010-Republik“ kommt bei den Kleinsten an / Steigende Erwartungen erhöhen aber auch Druck auf verschlankten Staat / Kinderwerte-Monitor veröffentlicht (HBF 17.09.14)

Wenn fast 40 % der Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 14 Jahren von Existenzsorgen geplagt werden, ist das ein beunruhigender Befund. Dennoch fühlten sich weder Ministerin noch die Bundesregierung veranlaßt, das zu kommentieren oder gar politisch darauf zu reagieren.

Geradezu erschütternd liest sich zudem die jüngste Hartz-IV-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, in der die Verfassungsrichter/innen genau nachzeichnen, wie die Bundesregierung den existenziellen Mindestbedarf auch bei Kindern kühl kalkulierend kleinrechnet…:

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Bundesverfassungsgericht – Pressemitteilung vom 9. September 2014

Beschluss vom 23. Juli 2014 1 BvL 10/12 1 BvL 12/12 1 BvR 1691/13

Sozialrechtliche Regelbedarfsleistungen derzeit noch verfassungsgemäß

(…) Gegenstand der Verfahren sind die Regelbedarfsleistungen für Alleinstehende, für zusammenlebende Volljährige, für Kinder bis zu 6 Jahren sowie für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Den zwei konkreten Normenkontrollen liegen Klagen miteinander verheirateter Eltern und ihres damals 16-jährigen Sohnes für den Zeitraum Januar 2011 bis Juni 2012 (Az. 1 BvL 10/12) sowie eines alleinstehenden Erwachsenen für den Zeitraum September 2011 bis August 2012 (Az. 1 BvL 12/12) zugrunde. (…) Die Verfassungsbeschwerde (Az. 1 BvR 1691/13) hat ein Ehepaar mit seinem 2009 geborenen Sohn erhoben. (…)

 c) Mit der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) stützt sich der Gesetzgeber auf geeignete empirische Daten.

 d) Die Entscheidung, bei der EVS 2008 nur noch die einkommensschwächsten 15 % der Haushalte als Bezugsgröße heranzuziehen (statt wie bei der EVS 2003 die unteren 20 %), ist sachlich vertretbar. (….) Dass er die sogenannten „Aufstocker“, die neben den Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts über weiteres Einkommen verfügen, nicht herausgenommen hat, hält sich im Rahmen des gesetzgeberischen Einschätzungsspielraums. Der Gesetzgeber ist auch nicht dazu gezwungen, Haushalte in verdeckter Armut, die trotz Anspruchs keine Sozialleistungen beziehen, herauszurechnen, da sich ihre Zahl nur annähernd beziffern lässt. (…)

 e) (….) Der Gesetzgeber ist von Verfassungs wegen nicht gehindert, aus der Verbrauchsstatistik nachträglich einzelne Positionen – in Orientierung an einem Warenkorbmodell – wieder herauszunehmen. Die Modifikationen des Statistikmodells dürfen allerdings insgesamt kein Ausmaß erreichen, das seine Tauglichkeit für die Ermittlung der Höhe existenzsichernder Regelbedarfe in Frage stellt; hier hat der Gesetzgeber die finanziellen Spielräume für einen internen Ausgleich zu sichern. Derzeit ist die monatliche Regelleistung allerdings so berechnet, dass nicht alle, sondern zwischen 132 € und 69 € weniger und damit lediglich 72 % bis 78 % der in der EVS erfassten Konsumausgaben als existenzsichernd anerkannt werden. (….)

(…) Gegen die Festsetzung der Regelbedarfe für Kinder bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres und Jugendliche zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr mit Hilfe von Verteilungsschlüsseln bestehen keine verfassungsrechtlich durchgreifenden Bedenken.

(….)  3. Die Vorgaben zur Fortschreibung der Regelbedarfe in den Jahren ohne Neuermittlung weichen nicht unvertretbar von den Strukturprinzipien der gewählten Ermittlungsmethode ab. (…)

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… und mit seinen bürokratischen Hürden für viele Hartz-IV-Eltern in der Praxis abschreckend wirkt …(HBF-Premium)…

Dennoch ist die Bundesregierung mit diesen kinderfeindlichen Hartz-IV-Regelungen bei den offenkundig  politisch eingeschüchterten roten Roben in Kalrsruhe durchgekommen (HBF-Premium)…

Tatsächlich ist der politische Blick auf den Nachwuchs weniger auf dessen Bedürfnisse gerichtet, als vielmehr auf seine Funktion in einer schrumpf-alternden Volkswirtschaft, wie der Spiegel diese Woche (unfreiwillig) in Erinnerung ruft:

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Der Spiegel 15.09.2014, Nr.38

Die falsche Frage

Unter dem Druck von Eltern kehren mehrere Länder zum Abitur nach neun Jahren zurück. Dabei gerät in den Hintergrund, dass es vor allem auf guten Unterricht ankommt.

(….)  Pädagogische Argumente oder die Taktung des Schultags spielten bei der Umsetzung des verkürzten Wegs zum Abi eine ebenso untergeordnete Rolle wie heute bei der Reform der Reform.

Vor rund zehn Jahren folgte die Politik dem neoliberalen Zeitgeist, wonach jüngere Schulabgänger und damit jüngere Berufseinsteiger wünschenswert seien. Die Beschleunigung sollte den Sozialkassen zugutekommen, die öffentliche Hand weniger für die Schulen ausgeben müssen.

„Das deutsche Bildungssystem geht verschwenderisch mit Lern- und Arbeitszeit um“, hieß es etwa 2003 in der Broschüre „Bildung neu denken“, herausgegeben von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Das Ziel, so schrieben die Autoren um den Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, müsse ein „sparsamer Umgang mit Lebenszeit bei gesteigerten Lerneffekten“ sein, etwa durch eine „Verfrühung des Lernens“ oder durch eine „Verdichtung des Lernens“. Die Schule habe sich am Bedarf der Wirtschaft zu orientieren, es gehe um die „Durchsetzung einer Kunden- und Serviceorientierung im Bildungswesen“. Wenig später, zum Schuljahresbeginn 2004/05, führte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) G8 im Hauruckverfahren ein. Es war das Signal für alle anderen großen Bundesländer. (…)

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Das war und ist ganz im Sinne der von wachsenden Altersängsten geplagten Wählerschaft:

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ZDF 18.09.2014 

Maybritt Illner

 Generation Pflegefall

 Hilflos im Alter?

Gut 20 Jahre nach der Einführung der Pflegeversicherung soll es ab 2015 mehr Leistungen für Betroffene geben. Pflegende Angehörige können künftig einfacher durch ambulante Dienste oder aber Kurzzeit-, Tages- und Nachtpflege entlastet werden. Außerdem steigen die Zuschüsse für Umbauten in der Wohnung. Doch hilft Geld allein? Oder brauchen wir auch neue Konzepte, um den Lebensabend in Zukunft einigermaßen würdig gestalten zu können? Noch werden sieben von zehn Pflegebedürftigen von Angehörigen daheim versorgt, oft bis zur totalen Erschöpfung. Wie kann man ihnen wirklich helfen? Und was wird sein, wenn die eher kinderlose Babyboomer-Generation der heute 50-Jährigen gepflegt werden muss? „Lieber tot als ins Heim“ – wird dieser Spruch je Geschichte sein? (…)

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und HBF-Premium

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Daß diese Blickverengung auf Kinder als bloßes Humankapital kurzsichtig sein könnte, dämmert immerhin der taktgebenden Wirtschaft:

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IHK-Reutlingen 18.09.14

Blitzumfrage der IHK Reutlingen

Stimmungsbild zu G8 und G9

(Reutlingen,, 18.09.2014) Laut einer Blitzumfrage der IHK Reutlingen bei knapp 400 regionalen Arbeitgebern sprechen sich fast zwei Drittel der antwortenden Betriebe für eine Wiedereinführung des Abiturs nach neun Jahren an allgemeinbildenden Schulen aus.

Die 400 größten Arbeitgeber hatte die IHK befragt, 88 Firmen beteiligten sich anonym an der Umfrage. Anlass für die Blitzumfrage waren Diskussionen in den Gremien der IHK Reutlingen zur künftigen Ausrichtung der Bildungs- und Schulpolitik. Laut dem nun vorliegenden Stimmungsbild sehen knapp 40 Prozent der Umfrageteilnehmer Defizite bei Bewerberinnen und Bewerbern, die das achtjährige Gymnasium abgeschlossen haben. 60 Prozent können keine Mängel erkennen.

Die Firmen, die Defizite ausmachen, sehen diese vor allem bei der persönlichen Reife (61 Prozent), Textverständnis und Ausdrucksvermögen (26 Prozent) sowie dem mathematischen Verständnis (21 Prozent). Auffällig: Obwohl nur 40 Prozent Defizite bei den Bewerbern erkennen, wollen 65 Prozent eine Rückkehr zum G9. Dass eine Rückkehr zu G9 verzichtbar sei, weil die beruflichen Gymnasien eine dreijährige Oberstufe anbieten, unterstützen nur 32 Prozent der Umfrageteilnehmer. 58 Prozent sagen, dass eine Rückkehr zu G9 trotz der beruflichen Gymnasien nicht verzichtbar ist. 10 Prozent haben sich bei dieser Frage enthalten.

Bei den Anmerkungen der Umfrageteilnehmer reichen die Hinweise von der Forderung zur Entrümpelung der Lehrpläne über den Wunsch nach mehr Ruhe und Stetigkeit im Bildungssystem bis hin zu deutlicher Kritik am herrschenden Schulstress.

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Zudem bröckelt die Bereitschaft der Eltern, bei der Verbreitung und Durchsetzung dieses arbeitsmarktzentrierten Menschenbilds weiterhin Pate zu stehen. Sie erleben im eigenen Alltag, wie familienfeindlich das polit-mediale Motto für Mittelschichtseltern von der Vereinbarkeit von „Karriere und Kind(ern)“ in der Praxis ist – und propagieren jetzt den Ausstieg:

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DeutschlandRadio Kultur, Interview  | Beitrag vom 17.09.2014

Frauenquote

: Gleichstellungsgesetz schafft Gerechtigkeit

Bundesfamilienministerin will Kulturwandel von unten

Manuela im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Frauen haben kaum Chancen, in Führungspositionen zu kommen, sagt Bundesfamilienministerin Manuela . Die „gläserne Decke“ werde nicht von selbst aufweichen, sondern dafür brauche man entsprechende Mittel wie die Frauenquote. (…)

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und HBF-Premium

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Zum Thema siehe auch:

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