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Neues vom KITA-Ausbau (1):

Vom staatlichen Förderauftrag für Kinder zum Förderzwang?

– Wenn die Polit-Rhetorik zum Selbstläufer wird

/ Eine Redaktion entdeckt die Kehrseite ihres voreiligen Beifalls

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HBF-AKTUELL Tübingen 02. Juli 2014, erstellt 17:36 Uhr, Stand 19:40 Uhr

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Der Ausbau der „frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung“ gilt in der polit-medialen Öffentlichkeit und der tonangebenden Fachwelt als zentraler Baustein zur Schaffung von Chancengerechtigkeit im Land (vgl. dazu zuletzt den aktuellen Bildungsbericht 2014 – in: HBF-Infodienst 2014b). Anderslautende Voten, die auf dabei vernachlässigte Ressourcen verweisen, werden dagegen nicht weiter verfolgt – selbst wenn sie von bislang einflußreichen Institutionen stammen (vgl. HBF-Infodienst 2014a). Dementsprechend ist es nur „folgerichtig“, wenn einzelne Landesregierung den staatlichen Auftrag zur Förderung von Kindern gern erweitern würden (HPL). Einer Redaktion, die dem Kita-Ausbau prinzipiell sehr aufgeschlossen gegenübersteht, kommen angesichts dieser Entwicklung jetzt doch bemerkenswerte Bedenken (HPL).

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HBF-VOLLTEXT

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Der Ausbau der „frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung“ gilt in der polit-medialen Öffentlichkeit und der tonangebenden Fachwelt als zentraler Baustein zur Schaffung von Chancengerechtigkeit im Land (vgl. dazu zuletzt den aktuellen Bildungsbericht 2014 – in: HBF-Infodienst 16.06.14). Anderslautende Voten, die auf dabei vernachlässigte Ressourcen verweisen, werden dagegen nicht weiter verfolgt – selbst wenn sie von bislang einflußreichen Institutionen wie der Berterlsmann Stiftung stammen. Anfang Januar hatte sie die „Stärkung elterlicher Erziehungskompetenzen“ als „zentralen Ansatzpunkt“ zur wirkungsvollen Förderung aller Kinder eingestuft  (vgl. HBF-Infodienst 15.01.14).

Dementsprechend ist es nur „folgerichtig“, wenn einzelne Landesregierung den staatlichen Auftrag zur Förderung von Kindern gern erweitern würden. Gerade für Kinder aus „bildungsfernen“ und „sozial benachteiligten“ Familien, so die von Rechts (vgl. z.B. Ursula von der Leyen als Bundesfamilienministerin – in: HBF-Infodienst 08.06.07) bis Links in den Parteien weit verbreitete Auffassung, sei es eigentlich unerläßlich, sie möglichst schnell einer frühkindlichen „Bildungseinrichtung“ zuzuführen.

Das bestätigt eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem rot-grünen Senat in Bremen. Er lehnt den Wechsel zu einem Kinderbetreuungssystem ab, das sich stärker als bisher an den Bedürfnissen der Eltern orientieren soll. Die Begründung dafür: In Stadtteilen mit überdurchschnittlich vielen sozial benachteiligten Familien wäre die Nachfrage nach Krippenplätzen zu gering. Bei einer bedarfsorientierten Systemumstellung wären daher die bestehenden Einrichtungen in ihrer Existenz gefährdet. Der Redaktion der taz, die dem Kita-Ausbau prinzipiell sehr aufgeschlossen gegenübersteht, kommen angesichts dieser Argumentation bemerkenswerte Bedenken:

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taz BREMEN 02.07.2014

Kita-Träger für freieren Markt

SOZIALES Kirche und freie Träger fordern einen Systemwechsel bei der Kinderbetreuung: Vorbild sei das Hamburger Gutschein-Modell

Kindergärten sollen ihr Angebot stärker an Elternwünschen ausrichten. Das wünschen sich die freien Träger von Kindertageseinrichtungen in Bremen. Man wolle sich an Hamburg orientieren, das vor zehn Jahren ein Gutschein-Modell eingeführt hatte, sagten am Dienstag Carsten Schlepper, Leiter des Landesverbands evangelischer Kindertagesstätten, und Arnold Knigge, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der freien Wohlfahrtspflege. (….)

Vor zwei Wochen hatten die Bremer Grünen gemeinsam mit der SPD flexiblere Betreuungszeiten gefordert. An der zentralen Steuerung solle jedoch festgehalten werden. Der kinderpolitische Sprecher der Grünen, Stephan Schlenker, begründete dies gestern damit, dass der Staat sonst die Kontrolle der Einrichtungen verlieren würde. Zudem würden sich freie Träger aus sozial benachteiligten Stadtteilen zurückziehen, weil dort die Nachfrage geringer sei. 

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taz 02.07.2014

KOMMENTAR: Eiken Bruhn über neues Kita-System

Am besten zwangseinweisen

Groß war das Geschrei in Hamburg, als vor zehn Jahren ein neues System zur Steuerung der Kindertagesbetreuung eingeführt wurde. Doch heute sind auch KritikerInnen davon überzeugt. Weil die Qualität nicht wie befürchtet sank. Sondern im Wettbewerb verbessert werden konnte.

Dennoch will in Bremen niemand eine Übernahme des Modells. Die Argumente, die Politik und Verwaltung in Bremen dagegen anführen, sind haarsträubend. Als würde eine möglichst große staatliche Kontrolle von selbst für eine gute Qualität sorgen. Wenn man sich in Kindergärten – und Schulen – umsieht, ist eher das Gegenteil der Fall. Tatsächlich können derzeit Kitas und Krippen egal welcher Trägerschaft in Bremen machen, was sie wollen. Weil sie ihre Plätze immer irgendwie vollkriegen.

Vor allem aber, sagt die rot-grüne Koalition, müsse es darum gehen, in den Brennpunkt-Stadtteilen mehr Kleinkinder in die Krippen zu bekommen. Und da die Nachfrage dort so gering sei, gäbe es mit einem Hamburger System dann auch kaum noch Angebote. Allerdings war die Bremer Zentralplanung in den letzten Jahren auch nicht erfolgreicher darin, die Betreuungsquote zu steigern. Da hilft nur eins: Eine Zwangseinweisung in die Kita. Wäre eigentlich die logische Weiterentwicklung des konsequenten Ignorierens von Elternwünschen.

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Zum Thema siehe auch:

 

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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