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CDU-Politiker fordern „Elternführerschein“

– Mehr als ein Sommerlochthema für aufstiegsorientierte Polit-Hinterbänkler?

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HBF-AKTUELL Tübingen 18. Juli 2014, erstellt 16:50 Uhr, Stand 19:28 Uhr

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Die Ansprüche an die Erziehungsleistungen von Eltern in unserer hochkomplexen Leistungsgesellschaft sind enorm gewachsen, wie eine Studie erst kürzlich berichtete (vgl. HBF 2014). Stetig steigend ist allerdings auch die Zahl der Mütter und Väter, die nicht (mehr) in der Lage sind, selbst die elementarsten Grundbedürfnisse ihrer Kinder zu befriedigen und deshalb für sie zu einer Gefahr werden. Deshalb müssen die Jugendämter immer öfter eingreifen (HPL). Für einige CDU-Politiker ist das Anlaß, (wieder – vgl. HBF-Themen-Archiv) die Forderung nach einem „Elternführerschein“ aufzustellen (HPL) und damit gerade in der parlamentarischen Sommerpause für Gesprächsstoff zu sorgen (HPL). Selbst wenn sie sich dabei auf einen renommierten Experten berufen können (HPL), geht dieser Vorstoß vollständig an der Lebenswirklichkeit und ihren politisch mitgeschaffenen Ursachen vorbei, wie auch ohne Lektüre dickleibiger Studien unschwer zu erkennen ist (HPL).

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HBF-VOLLTEXT

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Die Ansprüche an die Erziehungsleistungen von Eltern in unserer hochkomplexen Leistungsgesellschaft sind enorm gewachsen, wie eine Studie erst kürzlich berichtete (vgl. Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung in: HBF 30.06.14). Stetig steigend ist allerdings auch die Zahl der Mütter und Väter, die nicht (mehr) in der Lage sind, selbst die elementarsten Grundbedürfnisse ihrer Kinder zu befriedigen und deshalb für sie zu einer Gefahr werden. Deshalb müssen die Jugendämter immer öfter eingreifen:

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 08.08.2013

Überforderte Eltern

2012 nahmen Jugendämter 40.000 Kinder aus ihren Familien – mehr als je zuvor

München – Die einjährige Lisa krabbelte zwischen Mülltüten über einen verdreckten Teppich. Ihre Windel war offenbar seit Tagen nicht gewechselt worden. Die dünnen Ärmchen, die aus einem löchrigen T-Shirt schauten, ließen vermuten, dass das Kind nicht ausreichend zu essen bekam. Für die Leute vom Jugendamt war es höchste Zeit zu handeln. Sie nahmen die kleine Lisa ihrer Mutter weg, sofort. Dieser Fall ist einer von 39365 sogenannten Inobhutnahmen und 862 Herausnahmen im vergangenen Jahr in Deutschland. Die Jugendämter haben noch nie so viele gefährdete Kinder und Jugendliche aus ihren Familien geholt wie 2012. Das Statistische Bundesamt hat diese Zahl am Mittwoch veröffentlicht. Häufigster Grund waren völlig überforderte Mütter und Väter.

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 12.07.2014, muenchen

Kinderschutzbericht

Jugendamt schreitet 3000 Mal ein

Vernachlässigt, geschlagen, missbraucht: Erstmals legt die Stadt München eine Statistik vor. In 965 Fällen litten Kinder unter psychischer, in 489 Fällen unter körperlicher Misshandlung. Sexuelle Gewalt gab es in 161 Fällen.

Von Sven Loerzer

 

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Berliner Morgenpost  08.07.14, 08:16

Berliner Kinder

Vernachlässigt, verprügelt – 650 Kinder aus Familien geholt

In Berlin wurden im vergangenen Jahr fast 10.000 Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung eingeleitet – deutlich mehr als zuvor. In jedem fünften Fall waren Kinder akut gefährdet.

 Von Joachim Fahrun

 

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Für einige CDU-Politiker ist das Anlaß, (wieder – vgl. HBF-Themen-Archiv) die Forderung nach einem „Elternführerschein“ aufzustellen  und damit gerade in der parlamentarischen Sommerpause für Gesprächsstoff zu sorgen:

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Focus.de Donnerstag, 12.06.2014, 05:26

 

Mit Kochkursen und Geldstrafen

CDU-Abgeordnete fordert speziellen Eltern-Führerschein

Wer dem Eltern-Dasein nicht gewachsen ist und seine Kinder vernachlässigt, soll in Zukunft eine Art Eltern-Führerschein machen. Das zumindest fordert  die CDU-Abgeordnete Christina Schwarzer zur Vorbeugung von Vernachlässigung.

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ARD Polit-Magazin KONTRASTE Do 17.07.2014 | 22:00 |

DER STAAT ALS ERZIEHER: CDU-POLITIKER FORDERN ‚ELTERNFÜHRERSCHEIN‘

Wer Auto fahren will, muss vorher nachweisen, dass er das Fahrzeug bedienen kann und die Verkehrsregeln beherrscht. Wer Kinder in die Welt setzt, muss keine „Qualifikation“ nachweisen. Doch immer öfter fühlen Eltern sich überfordert. Jetzt fordern CDU-Politiker einen „Elternführerschein“ und drohen bei Widerstand mit Strafzahlungen. (….)

m abverlangt.“

„Starke Eltern – starke Kinder“ heisst der Kurs, den der Deutsche Kinderschutzbund durchführt. Seit fast 30 Jahren. Was hier auf freiwilliger Basis längst Praxis ist, fordert Kai Wegner nun als Pflicht. Der Generalsekretär der Berliner CDU und Mitglied des Bundestages will für alle Eltern einen sogenannten Elternführerschein.

Kai Wegner (CDU), Generalsekretär CDU Berlin

„Wenn wir über konkrete Maßnahmen sprechen, dann wünsche ich mir verbindliche Vorbereitungskurse im Vorfeld einer Geburt, wo Experten feststellen: sind die Eltern schon in der Lage, ein Kind zu erziehen?“

(….)

Doch an die Vernunft zu appellieren, reicht CDU-Mann Wegner längst nicht mehr. Statt dessen droht er uneinsichtigen Eltern mit finanziellen Sanktionen – etwa Bußgeldern.

Kai Wegner,  Generalsekretär CDU Berlin

„Nochmal: für mich gilt zuerst das Gespräch suchen, aufsuchende Jugendarbeit, Jugendämter, die diese Eltern dann besuchen. Wenn aber alles nicht greift, kein Gespräch, keine Bitte, keine Einladung, dann muss der Staat über Sanktionen nachdenken. Und das geht am härtesten und am einfachsten, wenn es den eigenen Geldbeutel betrifft und das sind dann finanzielle Sanktionen.“

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Mit dieser Forderung können sie sich die CDU-Politiker durchaus auf den renommierten Bildungsforscher Klaus Hurrelmann berufen….

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Deshalb fordert auch der Erziehungswissenschaftler Professor Klaus Hurrelmann verbindliche Kurse für Eltern aus allen sozialen Schichten:

Professor Klaus Hurrelmann, Erziehungswissenschaftler, Hertie School of Governance

„Wir haben aus den Kinder- und Jugendstudien den Hinweis, dass es ein Fünftel, also 20 Prozent der Kinder und auch der Jugendlichen sind, die richtig Schwierigkeiten haben mit ihrer eigenen Entwicklung, mit ihrer Gesundheit, mit ihrer Bildung. Und da wären wir schon mal bei einer Größenordnung, die schon beängstigend ist. Also eine so große Gruppe von Kindern bekommt nicht die Unterstützung und die Hilfe aus dem Elternhaus, die sie bräuchte.“

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(aus: ebda)

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…dennoch geht dieser Vorstoß vollständig nicht nur an der Lebenswirklichkeit vorbei:

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Ein Elternführerschein für alle? Jörn Wunderlich, familienpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, hält das für Unsinn.

Jörn Wunderlich (Die Linke),  Familienpolitischer Sprecher

„Nach welchen Kriterien soll denn festgelgegt werden, wann Eltern in der Lage sein sollen, Kinder zu erziehen. Und was passiert mit den Eltern, die den Test möglicherweise nicht bestehen? Dürfen die dann keine Kinder bekommen – oder falls sie Kinder haben, werden ihnen dann die Kinder weggenommen? Gibt es dann ein Sorgerechtsentziehungsverfahren? Das sind so abstruse Geschichten.“

Unterstützt wird diese Position – wenn auch aus anderen Gründen – von Maria Steuer. Sie ist im Vorstand des konservativen „Familiennetzwerks“, Kinderärztin und dreifache Mutter.

Maria Steuer, Vorstand „Familiennetzwerk“

„Was soll der Elternführerschein überhaupt beinhalten? Wie wird das abgearbeitet? Wird gesagt, wenn dein Kind schreit, mach A, B, C, D und wenn D nicht funktioniert, gehe zu Frage 2 oder wie? Ich kann mir das auch nicht vorstellen, wie man richtige Erziehung, richtige Liebe bewerten soll.“

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(aus: ebda)

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The European 18.06.2014

Elternführerschein: Zum Scheitern verurteilt

Eine CDU-Politikerin will den Elternführerschein einführen. Wer aber schon mal auf einem der Kurse war, die als neue Sanktion drohen, weiß, warum das Quatsch ist. Ein Erfahrungsbericht.

von Birgit Kelle

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Deutschlandfunk  Tag für Tag / Beitrag vom 25.03.2014

Jugendhilfe

Kritik auch an kirchlichen Trägern

Jedes Jahr kommen 160 Kinder durch Misshandlung zu Tode, meist im familiären Umfeld. Den Jugendämtern und der Jugendhilfe wird oft Versagen vorgeworfen. Auch Caritas und Diakonie ziehen als freie kirchliche Träger Kritik auf sich.

Von Rocco Thiede

Experten kritisieren das System der Jugendämter und Jugendhilfe, denn jährlich werden in Deutschland 200.000 Kinder Opfer von Gewalt. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

(…)

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taz 22.02.2014

Wie können wir die Kinder schützen?

KONSEQUENZEN Hamburg streitet über die Folgen des Todes der kleinen Yagmur, die im Elternhaus totgeprügelt wurde. Helfen schärfere Kontrollen, mehr Personal bei den Jugendämtern, stärkere Kinderrechte? Oder braucht es eine neue Jugendhilfestruktur? Die Situation ist schwierig, denn nicht immer sind Eingriffe von außen die beste Lösung Schwerpunkt SEITE 44, 45

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„Übersehen“ werden dabei auch die politisch mitgeschaffenen Ursachen für die (z.T. bis zur Gefährlichkeit) überforderten Eltern:

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F.A.Z., Mittwoch, den 13.11.2013 Natur und Wissenschaft N2

ARMUT BEEINTRÄCHTIGT DAS GEHIRN VON KINDERN

Wachsen Kinder in Armut auf, beeinträchtigt das die Gehirnentwicklung messbar. Wissenschaftler stellten jetzt fest, dass eine gute Bindung zwischen Eltern und Kindern diesen Effekt abschwächen könnte.

von Christina Hucklenbroich

(Wachsen Kinder in Armut auf, beeinträchtigt das ihre Gehirnentwicklung messbar. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler der Washington University School of Medicine in St. Louis im Fachmagazin „Jama Pediatrics“ (….)  Arme Eltern waren gestresster und weniger in der Lage, ihr Kind zu unterstützen. Diese negative Interaktion korreliere ebenfalls mit dem Grad der Abweichungen im Gehirn, schreiben die Forscher. Maßnahmen, um die Eltern-Kind-Bindung früh zu fördern, müssten deshalb ein vorrangiges Ziel im Gesundheitswesen sein.

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Paritätischer Wohlfahrtsverband 04.06.14

Deutscher Kinder- und Jugendhilfetag:

Paritätischer legt eigenes Konzept zur Reform des Bildungs- und Teilhabepaketes vor

Als komplett gescheitert kritisiert der Paritätische Gesamtverband das vor über drei Jahren eingeführte Bildungs- und Teilhabepaket für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Anlässlich des aktuell in Berlin stattfindenden 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages legt der Paritätische ein eigenes Alternativkonzept zum Bildungspaket vor. Statt des bestehenden bürokratischen Gutscheinsystems, das hohe Hürden für die Inanspruchnahme erzeuge, schlägt der Verband die Einführung eines einklagbaren Rechtsanspruchs für alle Kinder auf Angebote der Jugendarbeit vor. (…)

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 18.07.2014

Wenig Geld, hoher Aufwand

Stadtrat will Bürokratie bei Hartz-IV-Teilhabepaket bekämpfen

Vereinsmitgliedschaften, Musikunterricht oder Mittagsverpflegung: Leistungen aus dem 2011 bundesweit eingeführten Bildungs- und Teilhabepaket zu bekommen, ist für Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen kompliziert. Auch die Sportvereine und Schulen stöhnen über die aufwendigen Antrags- und Abrechnungsverfahren. (…)

Von Anfang an stand das Bildungs- und Teilhabepaket in der Kritik. „Das Gesetz ist schwierig zu vollziehen“, sagte die Sozialreferentin; der bürokratische Aufwand stelle für viele Eltern eine sehr hohe Hürde dar. (…)

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vgl. dazu auch:

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Das alles ist auch ohne Lektüre dickleibiger Studien unschwer zu erkennen – vorausgesetzt, es geht den CDU-Politikern tatsächlich um die Sache und nicht bloß um karriereförderliche Schlagzeilen.

 

Zum Thema siehe auch:

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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