Sitzenbleiben_im_Wirtschaftswunderland_150814p

Eltern in „Statuspanik“:

Rekordzahl bei „Sitzenbleibern“ im Musterländle

– Die dunkle Seite im fitreformierten „Wirtschaftswunderland“ Deutschland

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HBF-Aktuell, Tübingen 15. August 2014, erstellt 16:20 Uhr, Stand 19:43 Uhr

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Die Zahl der „Sitzenbleiber“ hat in Baden-Württemberg einen Rekord erreicht (HPL) und sorgt jetzt im „Ländle“ trotz Ferienzeit für eine lebhafte Debatte (HPL). Für den Bildungsminister auch Anlaß, die Eltern zu ermahnen, ihre Kinder nicht mit einer falschen Schulwahl zu überfordern (HPL). Allerdings sieht sich nicht nur Baden-Württemberg mit diesem Problem konfrontiert (HPL). Seine Wurzeln reichen bis in den Kern des fitreformierten „Wirtschaftswunderlands“ (HPL), dessen „vertikale Mobilität“ rasant zugenommen hat. Davon zeugt nicht nur der tragische Fall einer politisch mustergültigen Familie, den gestern eine ARD-Reportage zeigte (HPL). Auch politische Beobachter (HPL) und Sozialwissenschaftler (HPL) attestieren der sich ausbreitenden „Statuspanik“ handfeste Gründe, die tatsächlich wenig Raum für plakative, polit-mediale Aufmunterung läßt (vgl. z.B. HBF 13.08.14)

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HBF-VOLLTEXT

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Die Zahl der „Sitzenbleiber“ hat in Baden-Württemberg einen Rekord erreicht und sorgt jetzt im „Ländle“ trotz Ferienzeit für eine lebhafte Debatte. Für den Bildungsminister auch Anlaß, die Eltern zu ermahnen, ihre Kinder nicht mit einer falschen Schulwahl zu überfordern:

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STUTTGARTER NACHRICHTEN 09.08.2014 07:30 Uhr

EHRENRUNDE STOCH ÜBER SITZENBLEIBER BESORGT

Maria Wetzel

Stuttgart – Rund 2700 Realschüler und 1400 Gymnasiasten haben im abgelaufenen Schuljahr die fünfte oder sechste Klasse nicht geschafft. An den Realschulen müssen 4,4 Prozent der Fünftklässler und 3,8 Prozent der Sechstklässler die Klasse wiederholen. An den Gymnasien sind es 1,6 Prozent der Fünftklässler, 2,6 Prozent bei den Sechstklässlern. Das geht aus einer Sondererhebung des Kultusministeriums an etwa 95 Prozent der Gymnasien und Realschulen hervor.

Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Ergebnisse erneut verschlechtert. (…)

Hauptgrund für die steigende Zahl von Sitzenbleibern ist der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung. Seit dem Schuljahr 2012/13 können in Baden-Württemberg Eltern von Grundschülern nach einer Beratung selbst entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Sie erhalten von den Grundschullehrern zwar weiterhin eine Empfehlung, diese ist aber nicht mehr bindend. (…)

Stoch appellierte an die Eltern, mit ihrem Wahl verantwortlich umzugehen und die Grundschulempfehlung stärker zu beachten. „Die Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen schätzen die Leistungsfähigkeit der Kinder in der Regel richtig ein. Ich kann den Eltern deshalb nur raten, die Empfehlungen ernst zu nehmen.“ (….)

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siehe dazu auch HP-PLUS

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Badische Zeitung 09.08.14

Lehrerverband: Hohe Zahl von Sitzenbleibern ist Schuld der Landesregierung

Scharfe Kritik an der Bildungspolitik des Landes: Der Lehrerverband Bildung und Erziehung gibt der Landesregierung Schuld an der gestiegenen Zahl von Klassenwiederholern.

(…) Die Lehrer seien mit der Änderung alleingelassen worden, kritisierte Brand. «Wenn man keine zusätzlichen Lehrerstunden schafft, um die Förderung zu verbessern, versündigt man sich an den Kindern», beklagte er. «Wir produzieren damit Bildungsverlierer ohne Ende.»

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F.A.Z., Donnerstag den 14.08.2014 Politik 4

Scharfe Kritik an Schulpolitik

oll. BERLIN, 13. August. Mit scharfer Kritik hat der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, Georg Wacker, auf die immens gestiegenen Sitzenbleiberzahlen im Land reagiert. Die Zahlen belegten, dass die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung ein Fehler war, sagte Wacker dieser Zeitung. Es sei „peinlich“, dass der Kultusminister nun die Lehrer an Realschulen und Gymnasien für seine „verkorkste“ Bildungspolitik in die Verantwortung zu ziehen versuche. (….)

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Allerdings sieht sich nicht nur Baden-Württemberg mit Problem konfrontiert, daß Eltern sich immer häufiger gegen die nicht mehr verbindlichen Grundschulempfehlungen entscheiden und ihre Kinder auf Realschulen oder Gymnasien schicken:

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F.A.Z., Donnerstag den 05.06.2014 Bildungswelten 7

Bildungsnotizen

AM GYMNASIUM GESCHEITERT

In nahezu allen Ländern außer Bayern und Sachsen entscheiden inzwischen die Eltern, welche weiterführende Schule ihr Kind nach dem Ende der Grundschule besucht. So auch in Hamburg. (…) Über die sogenannte Abschulung entscheidet die Zeugniskonferenz des jeweiligen Gymnasiums und die Zahl der Abschulungen ist auch in Hamburg erheblich gestiegen (…)

In Berlin sieht es ähnlich aus. Auch dort wechseln viele Gymnasiasten nach der fünften Klasse schon an die Sekundarschule, die das Abitur nach 13 Jahren anbietet – wie die Stadtteilschule in Hamburg auch. (….)

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Tagesspiegel 09.07.2014 19:25 Uhr

Berliner Gymnasien

Fünf Rückläuferklassen allein in Mitte

Auch dieses Jahr sind viele Siebtklässler am Probejahr des Gymnasiums gescheitert – zu viele um sie auf die Sekundarschulen aufzuteilen. Deshalb müssen erneut etliche Rückläuferklassen her.

von Susanne Vieth-Entus

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Der scheinbar unvernünftige Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder einen möglichst hohen Schulabschluß zu verschaffen, selbst wenn die Voraussetzungen dafür fehlen, ist auch eine Folge des fitreformierten „Wirtschaftswunderlands“. Die drastischen Einschnitte bei der sozialen Absicherung innerhalb und außerhalb des Arbeitsmarktes seit der Jahrtausendwende, vor allem durch die Hartz-Gesetze, haben die Sozialkosten für die Wirtschaft und damit ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert – allerdings zugleich die „vertikale Mobilität“ (= das soziale Absturzrisiko) radikal erhöht. Davon zeugt nicht nur der tragische Fall einer politisch mustergültigen Familie, den gestern eine ARD-Reportage zeigte:

Der scheinbar unvernünftige Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder einen möglichst hohen Schulabschluß zu verschaffen, selbst wenn die Voraussetzungen dafür fehlen, ist auch eine Folge des fitreformierten „Wirtschaftswunderlands“. Die drastischen Einschnitte bei der sozialen Absicherung innerhalb und außerhalb des Arbeitsmarktes seit der Jahrtausendwende, vor allem durch die Hartz-Gesetze, haben die Sozialkosten für die Wirtschaft und damit ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert – allerdings zugleich die „vertikale Mobilität“ (= das soziale Absturzrisiko) radikal erhöht. Davon zeugt nicht nur der tragische Fall einer politisch mustergültigen Familie, den gestern eine ARD-Reportage zeigte:

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ARD-Morgenmagazin 14.08.14

moma-Reporter:

WIE PFLEGE EINE FAMILIE IN DIE ARMUT ZWINGT

Es ist eine tragische Geschichte: Der Physiker und Familienvater Georg Rauprich wird nach einem Fahrrad-Unfall von heute auf morgen zum Pflegefall. Er braucht eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Seine berufstätige Frau Susanne kann das kaum leisten. Sie müsste dafür ihre Arbeit aufgeben und würde dadurch selber zum Sozialfall.

Unterstützung bekommt die Familie derzeit kaum. Sie und ihr Mann haben gut verdient und müssen laut Sozialgesetzbuch zunächst ihr gesamtes Erspartes bis auf gut 3000 Euro einsetzen. Ihre Altersvorsorge schmilzt nun Tag für Tag für die Pflege des Mannes dahin. Wären sie beide arbeitslos, würde der Staat sämtliche Kosten übernehmen. Wie kann das sein. Wir haben den Politiker und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach um eine Stellungnahme gebeten. moma-Reporterin Julia Schöning hat es schließlich geschafft, beide Seiten zusammen zu bringen.

Video verfügbar bis 14.08.2015

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Selbst leistungsfähige und bestens (aus)gebildete junge Menschen müssen in der sozial abgemagerten Wettbewerbswirtschaft heutzutage mit deutlich schlechteren Berufsperspektiven und -bedingungen leben als noch ihre Eltern. Deshal attestieren politische Beobachter und Sozialwissenschaftler der sich ausbreitenden „Statuspanik“ handfeste Gründe:

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F.A.Z., Mittwoch den 13.08.2014 Wirtschaft 15

DIE HERKUNFT WIRD WIEDER ENTSCHEIDEND

Paradox der Bildungsexpansion: Je mehr Akademiker es gibt, desto weniger zählt der Titel.

Von Jan Grossarth

(…) Schon bald wird in Deutschland fast jeder Zweite eines Jahrgangs das Abitur haben; in Frankreich beträgt die Abiturquote schon gut 80 Prozent. Parallel steigen die Absolventenzahlen an Universitäten und Hochschulen. Wie mit dem Geld, so ist es mit Zeugnissen und Zertifikaten: Je mehr im Umlauf sind, desto geringer ist ihr Wert. (…)

So sind gerade unter Eltern der distinktionsbedürftigen Mittelschicht nun die Schulen im Trend, die ihren Schwerpunkt auf Kultivierung legen. Dazu zählen Musikgymnasien, Waldorfschulen, Internate. (….)

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Deutschlandfunk Aus Kultur- und Sozialwissenschaften / Beitrag vom 14.08.2014

Soziologen diagnostizieren die Entstehung einer Abstiegsgesellschaft

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Sozialer Abstieg

Im Fahrstuhl nach unten

Meine Kinder sollen es einmal besser haben, dieser Wunsch ging vor allem im Nachkriegsdeutschland häufig in Erfüllung. Doch die Zeiten des sozialen Aufstiegs sind längst vorbei. Die deutsche Gesellschaft wird zu einer Abstiegsgesellschaft – und nicht einmal Bildung schützt davor.

Von Ursula Storost

(….) der Ökonom und Soziologe Dr. Oliver Nachtwey von der Universität Trier….Bildung, so Oliver Nachtwey, sei heutzutage kein Garant mehr für sozialen Aufstieg, ja nicht einmal dafür, dauerhaft zur Mittelschicht zu gehören.

„Man hat verschiedene Flaschenhälse eingezogen, zum Beispiel hat sich die Anzahl der Doktoranden, wenn man das Beispiel der Universitäten vorführt, in den letzten Jahren verdoppelt. Aber nicht die Anzahl der festen Mitarbeiterstellen, auf die man dann die Karriere hat aufbauen können. Und Ähnliches gibt es auch in vielen anderen Berufszweigen.“ (…)

Ab 1993 begannen die Reallöhne zu sinken, konstatiert der Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey. Und bereits seit Anfang der 80er-Jahre sank die Lohnquote. Also der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen, am gesamten Reichtum eines Landes. (…)

Aber nicht nur die einfachen Dienstleister werden in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. In großen Firmen ist es längst gang und gäbe, dass Kurzzeitbeschäftigte neben der Stammbelegschaft schuften, sagt der Soziologe Oliver Nachtwey. In einem großen deutschen Automobilwerk erlebte er die vorbildlichen Arbeitsbedingungen für festangestellte Mitarbeiter.

„200 Meter weiter, auf dem gleichen Werksgelände, aber von einem Werksvertrags-zulieferer ausgeführt, der darüber hinaus das selbst nicht ausgeführt hat sondern Leiharbeiter eingestellt hat, arbeiteten Leiharbeiter, die nur zwei Drittel des Gehalts bekommen hatten, keine Klimaanlage hatten, ergonomisch nicht die gleichen Ausrüstungen hatten wie die anderen Arbeitnehmer. Das hat auf dem gleichen Werksgelände stattgefunden.“

Ähnliches, so Oliver Nachtwey, findet man inzwischen auch an öffentlichen Schulen. Zum Beispiel an Gymnasien in Baden-Württemberg.

„Da werden sie den alten Studienrat antreffen, der beamtet ist und mit 56 in den Vorruhestand gehen kann, hervorragend verdient und gute soziale Sicherungsleistungen hat. Und sie werden dort einen jungen angestellten Lehrerin oder Lehrer sehen, die jeweils in den Sommerferien wieder entlassen wird und überhaupt gar keine Perspektive auf Verbeamtung hat und dergleichen sozialer Sicherungsleistungen. Das ist, was wir derzeit mit dem Abbau der sozialen Bürgerschaft sehen.“ (….)

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Weiterführende Information

  • Die Krise und ich – Schlaflos in Bahrenfeld (Deutschlandradio Kultur, Thema, 24.02.2014)

  • Feindseligkeit und Abstiegsängste (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 05.08.2012)

  • Statuspanik in der Mittelschicht (Deutschlandfunk, Kultur heute, 16.06.2010)

  • Das Gespenst der Abstiegsangst (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 11.03.2009)

  • Das Gegenteil von Glück? (Deutschlandfunk, Lange Nacht, 19.09.2009)

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weitere Auszüge HP-PLUS

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Das alles läßt tatsächlich wenig Raum für plakative, polit-mediale Aufmunterung der potentiellen und tatsächlichen Eltern von heute (vgl. z.B. HBF 13.08.14)

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Zum Thema siehe auch:

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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