Mehr Arbeit- statt mehr Familienzeit:

Der Staat als Dienstleistungspartner der Eltern zeigt sich (schon jetzt) überfordert

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HBF-AKTUELL Tübingen 02. Juni 2014, erstellt 14:44 Uhr, Stand 20:20 Uhr

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Die doppelte (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit von Eltern ist in Zeiten des (historisch einmaligen) „demographischen Wandels“ aus Sicht der Politik und tonangebender Experten Verbände eine unverzichtbare Notwendigkeit. Die entsprechenden Weichenstellungen (HBF-Themen-Archiv) sind inzwischen in der Gesellschaft angekommen (HBF-Statistik). Wirkungsvoll unterstützt wird dies zudem durch eine neuere – und aus politischer Sicht höchst willkommene – Entwicklung (vgl. HBF 2014), wie eine aktuelle Experteneinschätzung bestätigt (HPL). Dieser Trend kann sich allerdings nur dann fortsetzen, wenn der Staat sich als verläßlicher „Dienstleistungspartner“ der Eltern präsentiert. Bestehende Zweifel daran (HBF-Themen-Archiv) erhalten jedoch heute weitere Nahrung (HPL).

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HBF-VOLLTEXT

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Die doppelte (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit von Eltern ist in Zeiten des (historisch einmaligen) „demographischen Wandels“ aus Sicht der Politik und tonangebender Experten Verbände eine unverzichtbare Notwendigkeit. Die entsprechenden Weichenstellungen (HBF-Themen-Archiv „Arbeitsmarkt- statt Familienpolitik“) sind inzwischen in der Gesellschaft, genauer bei den Müttern, angekommen: Sie steigen nach der „Babypause“ deutlich früher als in der Vergangenheit wieder in den Arbeitsmarkt ein (vgl. dazu die erhöhte Mütter-Erwerbsquote bei U-3-Kindern – in: HBF-Statistik).

Wirkungsvoll unterstützt wird dieser Trend zudem durch eine neuere – und aus politischer Sicht höchst willkommene – Entwicklung: Die massiv gestiegene Zahl von Einwanderern (vgl. zuletzt HBF 23.05.14). Anders als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sind sie jetzt im Durchschnitt besser qualifiziert als die einheimische Bevölkerung, schwärmt der Chef des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, heute im SPIEGEL-Interview:

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Der Spiegel 02.06.2014, Nr.23, S. 38

Integration

„Besser als Einheimische“

Demografieexperte Reiner Klingholz, 60, schwärmt von einer neuen Generation Einwanderer. Ohne sie seien Firmen nicht überlebensfähig.

(….)

Klingholz: Deutsche Unternehmen ziehen inzwischen Migranten an, die im Schnitt besser qualifiziert sind als die einheimische Bevölkerung. Im Jahr 2010 waren mehr als ein Drittel der Zuwanderer aus Südeuropa Akademiker. Sie tragen erheblich zur guten Wirtschaftslage bei. Wer in früheren Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist, war im Allgemeinen kaum qualifiziert. (….)

(…) Dabei kommen aus Osteuropa überproportional viele Hochqualifizierte, etwa Ärzte oder Ingenieure. 2010 zum Beispiel waren mehr als 40 Prozent der rumänischen und bulgarischen Migranten zwischen 30 und 64 Jahren Akademiker. Unter den gering Qualifizierten aus diesen Ländern sind viele Saisonarbeiter. Beide Gruppen sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. (…)

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Da die „demographische Rendite“ bislang für Arbeitnehmer/innen kaum auszumachen ist (vgl. HBF 30.04.14), dürfte die neue Einwanderungswelle ebenfalls die Neigung dämpfen, die persönliche Familienzeit für den neuen Nachwuchs „unnötig“ auszudehnen.

Die verstärkte Mobilisierung der Mütter für den Arbeitsmarkt läßt sich allerdings nur dann fortsetzen, wenn der Staat sich als verläßlicher „Dienstleistungspartner“ der Eltern präsentiert. Bestehende Zweifel daran erhalten jedoch heute weitere Nahrung.

So krankt der politisch forcierte Kita-(Ganztags-)Ausbau nicht nur am strukturellen Mangel an (qualifiziertem) Personal und angemessenen Betreuungsstandards (vgl. HBF-Themen-Archiv „Kinderbetreuung/Qualität“), sondern auch das Mitagessen in den Betreuungseinrichtungen ist sowohl für U3- als auch Ü3-Kinder „unzureichend“, wie die Bertelsmann Stiftung heute auf Basis ihrer Repräsentativstudie medienwirksam kritisiert:

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Bertelsmann Stiftung 02.06.2014

Zu viel Fleisch, zu wenig Obst und Gemüse zum Mittagessen: Kita-Kinder bekommen keine ausgewogene Ernährung

Studie der Bertelsmann Stiftung: Kita-Verpflegung in Deutschland ist ohne verbindliche Qualitätsstandards, unzureichend ausgestattet und unterfinanziert

(…)

Mittagessen in Kitas / Anteil der unter dreijährigen nach Bundeslländern 2013 - HBF-Daten Mittagessen in Kitas / Anteil der über dreijährigen nach Bundeslländern 2013 - HBF-Daten

siehe dazu auch:

Billiges Mittagessen verursacht Brechdurchfall-Epidemie an bundesdeutschen Schulen – in: HBF 08.10.12

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Anlaß zur Sorge dürften demnächst auch die Eltern von Schulkindern in Baden-Württemberg haben. Dort sollen sie bei „Bildung und Betreuung“ ab Herbst durch verpflichtende Ganztags-Grundschulen  (zwangs)beglückt werden. Angesichts der grün-roten Regierungspläne schlagen jetzt allerdings sogar die Verfechter dieser Idee Alarm:

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news4teachers.de 1. Juni 2014

GEW UND STÄDTETAG GEGEN ABRUPTE EINFÜHRUNG DER GANZTAGSSCHULE

STUTTGART. Die verbindliche Ganztagsschule wird im Südwesten zur Regelschule. Mittelfristig sollen in Baden-Württemberg 70 Prozent der Grundschulen und Förderschulen im Ganztagsbetrieb laufen. Zahlreiche Schulträger haben bereits ihr Interesse an der Umstellung angemeldet. GEW und Städtetag plädieren indes für einen fließenden Übergang. (…)

 

Nach fast fünf Jahrzehnten soll die Ganztagsschule vom kommenden Schuljahr als Regelschule an drei oder vier Tagen jeweils sieben oder acht Stunden eingerichtet werden können. (…)

Die sogenannte Monetarisierung, die den Ganztagsgrundschulen ermöglicht, bis zur Hälfte des Geldes für zusätzliche Lehrerstellen in anderes Personal zu stecken, lehnt Gewerkschafterin Moritz ab. «Wir können keine qualitativ hochwertigen Zusatzangebote für die Schulen mit diesen Mitteln bestreiten.» Es stelle sich die Frage, wen man am Nachmittag überhaupt für die Schulen einkaufen könne. «Da gibt es nicht so viele Profis, die zu dieser Tageszeit nicht berufstätig sind». Die Monetarisierung ermögliche auch kein Konzept aus einem Guss, weil man viele Personen für Einzelstunden einkaufen müsse. Zudem drohten prekäre Arbeitsverhältnisse.

(…) Moritz: «Wenn man will, dass in einem konservativem Land wie unserem Ganztagsschule auf Akzeptanz stößt, dann muss der Ganztag gut sein.»

Die GEW-Chefin warnte vor Schnellschüssen bei der Einrichtung von Ganztagsschulen. Die Kommunen als Schulträger machten Druck, weil das Land jetzt auch die Verantwortung für Angebote in der Mittagszeit – ohne Mittagessen – übernimmt. Bislang finanzierten Städte und Gemeinden bei den bestehenden Ganztagsschulen das sogenannte Mittagsband inklusive Mittagessen. Je schneller die Kommunen Anträge auf Ganztagsbetrieb stellten, desto mehr Geld könnten sie einsparen. «Doch eine pädagogisch anspruchsvolle Ganztagsschule braucht Vorbereitung und sehr viel qualifizierte Unterstützung durch den Schulträger.»

Das Konzept, dass kleine Grundschulen Ganztagsgruppen mit mindestens 25 Kindern aus unterschiedlichen Klassenstufen bilden können, lehnt die GEW ab. «Das verhindert einen rhythmisierten Ganztag, denn die Kinder müssen am Morgen in ihren jeweiligen Klassen den Unterricht besuchen und der Ganztag setzt dann für die klassenübergreifende Gruppe erst am Nachmittag ein», sagte Moritz.

Unter Rhythmisierung wird der über den Tag verteilte Wechsel von Phasen der An- und Entspannung verstanden, so dass nicht zwei starre Blöcke von Unterricht am Morgen und außerunterrichtlicher Aktivität am Nachmittag entstehen.

Der Städtetag betonte, man müsse bei Einführung der Ganztagsgrundschule zunächst Abstriche bei der Rhythmisierung hinnehmen. In der Übergangsphase müssten alle Beteiligten Geduld üben und darauf vertrauen, dass Land und Kommunen den Ausbau der Ganztagsgrundschulen qualitativ und quantitativ vorantreiben wollten, sagte Bildungsdezernent Norbert Brugger. (…)

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siehe dazu auch:

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Kontextwochenzeitung  05.03.2014 (Update: 05.03.2014)

SCHULE NACH KASSENLAGE

 Vom interessierten Publikum (noch) weitgehend unbeachtet, stürzt sich die grün-rote Landesregierung bei der Einführung der Ganztagsgrundschulen in ein riskantes finanzielles Abenteuer. Das Kabinett hat den flächendeckenden Ausbau beschlossen. Aber noch weiß niemand, woher das Geld kommen soll. Dabei geht es um mehr als 150 Millionen Euro jährlich.

Johanna Henkel-Waidhofer

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und:

  • HBF-Lese-Tip:

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 27.05.2014

ABSCHIED VON DER GANZTAGSSCHULE

Zu wenig Geld, ständig wechselndes Personal, schlechtes Essen und den ganzen Tag im Klassenzimmer: Der Münchner Kreisjugendring bläst ein Modellprojekt ab. Sein Rat an die Eltern: Nehmt lieber den Hort

Von Melanie Staudinger

München – Nach zwei Jahren hat der Kreisjugendring (KJR) München-Stadt genug: Er steigt aus der Ganztagsbetreuung von Grundschülern aus. Fehlende Räume, unzulängliche Öffnungszeiten und eine chronische Unterfinanzierung erschwerten eine pädagogisch sinnvolle Arbeit im sogenannten gebundenen Ganztag erheblich. Eigentlich sollten sich dort Lern- und Erholungsphasen am Vormittag und Nachmittag abwechseln – was aus Sicht des KJRs nicht funktioniert. Die Organisation empfiehlt Eltern die klassische Halbtagsschule plus Hort oder Tagesheim als die derzeit bessere Alternative. Gebundene Ganztagsklassen müssten hingegen dringend reformiert werden, fordert KJR-Geschäftsführer Franz Schnitzlbaumer.

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Bereits vor gut einem Jahr hatte der Städtetag an die Bereitschaft der Eltern appelliert, „Übergangslösungen“ zu akzeptieren –  bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen „Krippen“-Platz ab dem 1. August 2013. Auch da hatte (nicht nur) das Land Baden-Württemberg einen „pragmatischen Weg“ gewählt, der scharfe Kritik provozierte (vgl. dazu HBF 03.07.13). Daß es bei der Einführung der verpflichtenden Ganztagsgrundschule anders laufen sollte, ist nicht erkennbar. Im Gegenteil: Die aktuellen Streitigkeiten innerhalb der grün-roten Landesregierung um den kommenden Haushalt bestätigen vielmehr die Befürchtungen:

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Stuttgarter Zeitung 25.05.2014 17:35 Uhr

SCHARFER SPARKURS

Schmid stößt bei Grünen auf Skepsis

Nils Schmid sorgt für eine Überraschung bei der Kabinettsklausur. Der Finanzminister schlägt vor, dass das Land schon 2016 ohne neue Schulden auskommen soll. Für die Ministerien dürfte dies einen noch schärferen Sparkurs bedeuten. Der Koalitionspartner ist wenig begeistert.

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siehe dazu auch:

  • Studenten und Professoren im landesweitem Protest gegen Unterfinanzierung der Hochschulen in Baden-Württemberg – in: HBF 21.05.14

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Dieser Kampf um die Einhaltung der grundgesetzlich verankerten Schuldenbremse ab 2020 dürfte in anderen Bundesländern mit deutlich geringerer Finanzkraft als Baden-Württemberg sicher noch weitaus härter ausfallen – also auf Kosten von Eltern und ihren Nachwuchs gehen, falls die finanzpolitischen Prioritäten nicht doch noch anders gesetzt werden sollten.

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Zum Thema siehe auch:

 

 

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