Krippenbedarf_Saettigungsgrenze_200614p

Mehr Krippen, mehr Fachkräfte?

– Neue Bedarfsstudie sieht Sättigungsgrenze bei Eltern erreicht

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HBF-AKTUELL Tübingen 20. Juni 2014, erstellt 20:42 Uhr, Stand 21:30 Uhr

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Mit dem Ausbau der Kindertagesbetreuung sinkt die zu Hause verbrachte Zeit der Kinder, während ihre Aufenthaltsdauer in den Institutionen wächst – so der Befund des aktuellen Bildungsberichts (HPL – siehe dazu auch HBF 16.06.14). Das stärkt die politische Hoffnung, durch den weiteren Betreuungsausbau das Erwerbspotential der Mütter künftig noch besser ausschöpfen zu können, um den demographisch bedingten Fachkräftemangel zu entschärfen (vgl. dazu zuletzt HBF 18.06.14, Abo-Fassung). Die neueste Studie zur Entwicklung des elterlichen Bedarfs bestätigt diese Erwartung allerdings kaum (HPL). Tatsächlich gäbe es noch Eltern, deren Betreuungswünsche bislang nicht erfüllt seien – aber in der Gruppe derjenigen, die heute keine organisierte Tagesbetreuung nutzen, ist ihr Anteil in den letzten Jahren massiv gesunken (HPL). Die damit erkennbare Sättigungsgrenze bei Betreuungsausbau dürfte daher die Polit-Formel „Mehr Krippen = mehr Fachkräfte“ künftig immer weniger aufgehen lassen.

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HBF-VOLLTEXT

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Mit dem Ausbau der Kindertagesbetreuung sinkt die zu Hause verbrachte Zeit der Kinder, während ihre Aufenthaltsdauer in den Institutionen wächst – so der Befund des aktuellen Bildungsberichts:

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Gleichzeitig ist zwischen 2009 und 2013 die ganztägige Betreuung der 2-Jährigen durch die Mütter von 48 auf 39% gesunken. Dies ist auf ihre steigende Bildungsbeteiligung in Tagesbetreuung zurückzuführen (C3) und belegt einmal mehr, dass sich mit dem Ausbau der Angebote die Anteile von zu Hause und in Institutionen verbrachter Zeit weiter verschieben.

(aus: Bildung in Deutschland 2014. Bericht S. 46)

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siehe dazu auch:

         Bildungsbericht 2014: Frühe „Bildung“ durch Kitas wächst – Ungleichheit der Chancen auch! / Weitere Institutionalisierung der Kindheit bleibt dennoch der „richtige“ Weg (HBF 16.06.14)

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Das stärkt die politische Hoffnung, durch den weiteren Betreuungsausbau das Erwerbspotential der Mütter künftig noch besser ausschöpfen zu können, um den demographisch bedingten Fachkräftemangel zu entschärfen (vgl. dazu zuletzt HBF 18.06.14, Premium-Fassung). Die neueste Studie des Deutschen Jugendinstituts (München) zur Entwicklung des elterlichen Bedarfs bestätigt diese Erwartung allerdings kaum. Tatsächlich gäbe es noch Eltern, deren Betreuungswünsche bislang nicht erfüllt seien – aber in der Gruppe derjenigen, die heute keine organisierte Tagesbetreuung nutzen, ist ihr Anteil in den letzten Jahren massiv gesunken:

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Deutsches Jugendinstitut (DJI) TOP THEMA Juni 2014

Das Recht auf den Platz –Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren auf dem Prüfstand

Die Auswirkungen des Ausbaus und des Rechtsanspruchs auf die Einstellungen der Eltern zur Kindertagesbetreuung

Dr. Anne Berngruber, Dr. Christian Alt, Sandra Hubert, Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden (Deutsches Jugendinstitut)

Abbildung 2 zeigt zunächst den Status Quo im Jahre 2009. (….) Betrachtet man im Vergleich dazu die Daten aus dem Jahr 2013/14 in Abbildung 3, so lässt sich bei einer signifikanten Verringerung des Anteils der Nichtnutzer aber auch beobachten, dass der Anteil derjenigen Nichtnutzer gewachsen ist, die ihr Kind selbst betreuen möchten. Das heißt, innerhalb der Gruppe der Nichtnutzer ist der Anteil der potenziellen Nachfrager gesunken oder andersherum: Der Anteil der Eltern innerhalb dieser Gruppe, die ihr Kind lieber selbst erziehen möchten, ist im Vergleich zu 2009 gestiegen (von 80% auf knapp 87%). Nur noch ca. 13% der Nichtnutzer wären potenziell daran interessiert, eine öffentliche Betreuung für ihr Kind in Anspruch zu nehmen. Das kann als ein Hinweis dafür gedeutet werden, dass sich der Zugang zu einem Platz erleichtert hat.

Abbildung 3: Tatsächliche Betreuungsform 2013 und Ausdifferenzierung der Nichtnutzer nach Eltern, die ihr Kind nur in der Familie erziehen möchten, und den potenziellen Nachfragern einer öffentlichen Betreuung (in %)

Krippenbedarf von Eltern / Gruppe der Nichtnutzer / Anteil der Eltern, die ihr Kind selbst erziehen wollen 2013/2014 - HBF-Daten

Ausdrücklich gehen die DJI-Experten in ihrer Untersuchung der politisch vorrangigen Frage nach einem Einstellungswandel der Eltern durch den Kita-Ausbau nach:

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Des Weiteren wird geprüft, ob mit dem quantitativen Ausbau auch eine Veränderung der Einstellung gegenüber der Kindertagesbetreuung zu beobachten ist. Die Erfahrung zeigt – z.B. bei der Einführung des Rechts auf einen Kindergartenplatz –, dass die Akzeptanz mit der Verfügbarkeit der Angebote steigt. Diese Zunahme der Akzeptanz der öffentlichen Betreuung unter dreijähriger Kinder sollte unabhängig davon sein, ob das Betreuungsangebot genutzt wird oder nicht.

(aus: ebda)

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Das Ergebnis:

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Eltern, die ihr Kind ausschließlich in der Familie betreuen, haben dies aktiv so entschieden und lassen sich auch nicht durch ein vergrößertes und verbessertes Angebot beeindrucken. (…)

Abbildung 4: Aussage zur Kita „Kinder lernen in Kita Dinge, die sie nicht zu Hause lernen“ nach Nutzern, potenziellen Nachfragern und Eltern, die ihr Kind nur in der Familie erziehen möchten (2009 bis 2013/14, Mittelwerte)

Es zeigt sich recht deutlich, dass die Einstellungen zur öffentlichen Kinderbetreuung zwischen den (Nicht-)Nutzergruppen in stets der gleichen Weise differieren: Eltern, die ihr Kind lieber selbst erziehen wollen, stimmen allen Einstellungsfragen immer etwas weniger zu als die beiden anderen Elterngruppen. Anders als vielleicht vermutet, lehnen sie positive Aussagen über Kindertageseinrichtungen aber keineswegs ab. Dennoch stehen sich die Nutzer und die potenziellen Nachfrager hinsichtlich ihrer Einstellungen zur Institution der U3-Betreuung näher als Nichtnutzer und potenzielle Nutzer. Gleichzeitig lässt sich an der grundsätzlichen Einstellung innerhalb der Gruppen über den Beobachtungszeitraum kaum eine Veränderung ausmachen. Ob der Rechtsanspruch in der längerfristigen Perspektive möglicherweise einen Einfluss auf die Einstellungen von Eltern hat, sollte allerdings in den nächsten Jahren weiter beobachtet werden.

Abschließend lässt sich festhalten, dass sich aus dem Rechtsanspruch kaum Veränderungen der Einstellungen gegenüber der öffentlichen Kindertagesbetreuung für unter dreijährige Kinder ableiten lassen. (…)

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Die damit erkennbare Sättigungsgrenze bei Betreuungsausbau dürfte daher die Polit-Formel „Mehr Krippen = mehr (mütterliche) Fachkräfte“ künftig immer weniger aufgehen lassen.

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Zum Thema siehe auch:

 

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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