OECD-Abgabenstudie2013_140414pl

OECD-Agbabenstudie dokumentiert anhaltenden Mißstand:

„Der Staat bevorzugt die traditionelle Familie!“

– Oder: Wenn selbst konservative Medien das Nachdenken einstellen

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HBF-AKTUELL Tübingen 14. April 2014, erstellt 17:33 Uhr, Stand 21:40 Uhr

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Kinderlose in Deutschland leiden im internationalen Vergleich unter einer besonders hohen Abgabenlastung – das ist für führende konservative Medien (HPL) die zentrale Aussage der neuen OECD-Studie zur Entwicklung der Abgabenbelastung in den Industriestaaten (HPL). Besonders kritikwürdig sei zudem die anhaltende „Bevorzugung“ der traditionellen Familienform  (HPL). Deshalb sei es an der Zeit, den Vorschlägen der Opposition nach einer Einschränkung des Ehegattensplittings Raum zu geben (HPL).

Diese mediale Darstellung einer vermeintlich großen Unterstützung von Familien, insbesondere in ihrer traditionellen Ausprägung, verfehlt die Wirklichkeit hierzulande. Tatsächlich aussagekräftige Vergleiche zwischen den verschiedenen Haushaltsformen sind unvollständig, wenn sie sich allein auf die nominelle Abgabenbelastung beschränken. Das dokumentieren die jährlichen Einkommensberechnungen, die auch die jeweilige Haushaltsgröße mitberücksichtigen (HPL).

Auch die angebliche Bevorzugung des klassischen Familienmodells kann kaum ins Gewicht fallen, wenn es sich seit Jahren auf dem Rückzug befindet (HPL). Bei der grundsätzlichen Kritik am Ehegattensplitting lohnt sich schließlich ein Blick auf die Folgen, wenn die eheliche Solidargemeinschaft sich auflöst (vgl. z.B. ZDF-Dokumentation und HPL). Bemerkenswert bleibt dabei auch, daß die verläßlich organisierte Solidarität des Sozialstaates (z.B. bei der Rentenversicherung) eines der höchsten Gemeinschaftsgüter ist – auf der persönlichen Ebene jedoch nicht länger förderungswürdig zu sein scheint.

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HBF-VOLLTEXT

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Kinderlose in Deutschland leiden im internationalen Vergleich unter einer besonders hohen Abgabenlastung – das ist für führende konservative Medien die zentrale Aussage der neuen OECD-Studie zur Entwicklung der Abgabenbelastung in den Industriestaaten. Besonders kritikwürdig sei zudem die anhaltende „Bevorzugung“ der traditionellen Familienform:

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OECD 11.04.14

Steuer- und Abgabenbelastung 2013 in Deutschland und in der Schweiz gesunken, in Österreich gestiegen

 (Paris/Berlin, 11. April 2014) – Der Anteil von Steuern und Abgaben an den Gesamtarbeitskosten, der sogenannte Steuerkeil, ist in Deutschland 2013 leicht gesunken. Ein unverheirateter Angestellter ohne Kind und mit durchschnittlichem Verdienst wurde mit 49,3 Prozent belastet, im Jahr davor waren es noch 49,6 Prozent.  (….)

(….) Am meisten schrumpften Steuern und Abgaben bei Familien mit zwei Verdienern (von jeweils 100 und 33% des Durchschnittsverdienstes) und ohne Kinder. Ihr Steuerkeil lag 2013 bei 45,1 Prozent und damit 0,4 Prozentpunkte unter jenem von 2012. (….)

In den beiden deutschsprachigen Ländern ist der Anteil an Steuern und Abgaben beim anderthalbfachen Durchschnittseinkommen am höchsten und geht dann wieder zurück. Diese Dynamik herrscht sowohl bei Alleinstehenden mit und ohne Kind als auch bei Ehepaaren. Sie ist im Wesentlichen auf Bemessungsgrenzen zurückzuführen, ab denen Sozialversicherungsbeiträge nicht weiter steigen.

In den meisten OECD-Ländern profitieren vor allem die unteren Einkommensstufen von Steuerfreibeträgen und -gutschriften oder von Kindergeld. Die Progressivität für Haushalte mit niedrigem Einkommen ist zudem seit dem Jahr 2000, und vor allem seit Ausbruch der Krise, OECD-weit gestiegen. Auch die Systeme in Deutschland und Österreich entlasten ärmere Familien mit Kindern verhältnismäßig stärker als Kinderlose. Gleichzeitig gehört Deutschland zu den Ländern, in denen die Progressivität für alleinstehende Arbeitnehmer ohne Kinder am stärksten zurückgegangen ist. (….)

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F.A.Z., Samstag, den 12.04.2014 Wirtschaft 17

DER DEUTSCHE SINGLE ZAHLT UND ZAHLT

Die Ahnung wird zur Gewissheit: Wie neue Zahlen zeigen, schröpft kaum ein Land seine Arbeitnehmer so stark wie die Bundesrepublik.

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Die Welt 12.04.14, Seite 1

STAAT BEVORZUGT DAS TRADITIONELLE FAMILIENBILD

Einer OECD-Studie zufolge werden die Haushalte in Deutschland sehr ungleich besteuert. Fast nirgendwo sonst ist die Abgabenlast so hoch

Von Tobias Kaiser

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Familien werden in Deutschland vom Staat besonders stark entlastet, allerdings bevorzugt der Fiskus dabei das traditionelle Familienmodell, bei dem ein Elternteil arbeitet und der andere zu Hause bleibt. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im internationalen Vergleich ist die Abgabenlast in Deutschland zwar außergewöhnlich hoch, aber Familien mit Kindern werden im Vergleich zu Single-Haushalten stärker entlastet als in allen anderen wohlhabenden Volkswirtschaften. (….)

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HBF-Anmerkung:

Die besonders starke Abgabenentlastung für Alleinverdiener-Familien ist kein spezifisch deutsches Phänomen. Auch in Frankreich oder Schweden (das kein Ehegattesplitting hat) ist sie nur etwas geringer als hierzulande (Anmerkung 1). Bei dem Zuverdiener-Modell ist die Entlastung in Frankreich und den meisten skandinavischen Staaten sogar noch größer als in Deutschland (Anmerkung 2).

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Für DIE WELT ist es deshalb offenkundig an der Zeit, den Vorschlägen der Opposition nach einer Einschränkung des Ehegattensplittings Raum zu geben:

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(….) Verantwortlich für die höhere Entlastung der Traditionsfamilie ist das Ehegattensplitting, dessen Effekt umso stärker ausfällt, je weiter die Gehälter der Ehepartner auseinanderliegen.

Die Opposition fordert deshalb seit Längerem, für Frauen die Erwerbsarbeit finanziell attraktiver zu machen. „Die Förderung der Familien sollte vom Trauschein entkoppelt und durch eine deutlich verbesserte direkte Förderung von Kindern ersetzt werden“, sagt Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, der „Welt“.

(aus: Der Staat bevorzugt das traditionelle Familienbild. Die Welt 12.04.14, Seite 1)

 

HBF-Bemerkung:

Die arbeitsmarktfördernde Wirkung bei einer Einschränkung des Ehegattensplittings ist dabei ein absichtsvoller Effekt, wie gerade in Japan zu beobachten ist:

japanmarkt.de 10. April 2014

Frauenförderung:

Attacke aufs Ehegatten-Splitting

Tokio (JAPANMARKT/mf) – Die japanische Regierung plant offenbar eine kleine, aber bedeutende Änderung im Steuerrecht, damit mehr Frauen arbeiten gehen. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen ist zwar im Vorjahr so stark gestiegen wie zuletzt 1991. Aber die Frauen sollen auch länger arbeiten und mehr verdienen. Deswegen möchte Premierminister Shinzo Abe die japanische Variante des Ehegatten-Splittings kippen. Nur der Zeitpunkt ist noch offen. (…)

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Diese mediale Darstellung einer vermeintlich großen Unterstützung von Familien, insbesondere in ihrer traditionellen Ausprägung, verfehlt die Wirklichkeit hierzulande. Tatsächlich aussagekräftige Vergleiche zwischen den verschiedenen Haushaltsformen sind unvollständig, wenn sie sich allein auf die nominelle Abgabenbelastung beschränken. Das dokumentieren die jährlichen Einkommensberechnungen des Familienbundes Freiburg und des Deutschen Familienverbands, die auch die jeweilige Haushaltsgröße mitberücksichtigen:

Finanz1


Auch die angebliche Bevorzugung des klassischen Familienmodells kann kaum ins Gewicht fallen, wenn es sich seit Jahren auf dem Rückzug befindet. Seit der Einführung des Elterngeldes und dem gleichzeitigen „Krippen“-Ausbau (+ der Einschränkung des nachehelichen Unterhaltsrechts im Scheidungsfall ab 2007) steigt die Zahl der Mütter deutlich an, die ihre 3-jährige Elternzeit auf ein Jahr beschränken, um wieder auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren:

Famili1

Darüber hinaus ist das traditionelle Hausfrauenmodell in der Gesellschaft mittlerweile klar vom Doppelverdiener-Paar als neuem Ideal abgelöst worden (vgl. HBF 22.02.13).

Bei der grundsätzlichen Kritik am Ehegattensplitting lohnt sich schließlich ein Blick auf die Folgen, wenn die eheliche Solidargemeinschaft sich auflöst. Ihre mögliche Fortsetzung in Form neu gebildeter Patchworkfamilien ist weniger von der medial oft behaupteten „Buntheit“ geprägt als vielmehr von einer komplexen Alltags- und Beziehungsorganisation, die Kinder wie Eltern enorm belastet:

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ZDF 37 Grad   | 08.04.2014

Meine, deine, unsre Kinder

Herausforderung Patchworkfamilie

Patchworkfamilien sind nichts Exotisches mehr: Zwischen sieben und 13 Prozent aller Familien in Deutschland sind „zusammengeflickt“ (Quelle: Monitor Familienforschung). Wovon ist abhängig, ob die Beziehung zwischen Stiefeltern und Kindern gelingt? Warum lauern so viele Probleme im täglichen Zusammenleben? 37 Grad begleitet zwei Familien in ihrem manchmal schwierigen Alltag.

 Christina (47) und Phillip (44) leben seit elf Jahren als Patchwork-Familie in Berlin, zusammen mit Christinas Kindern Till (19), Lina (17), Carlo (15), Mia (13) – und dem gemeinsamen Kind Liv (7). Phillips Sohn Luca (19) ist bereits ausgezogen. „Jedes Kind hatte eine ganz schwierige Phase und ist eine Christina und Phillip mit Kindern Zeitlang regelrecht durchgedreht. Aber eben nicht alle auf einmal, sondern eins nach dem anderen“, so Christina.

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Video

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Auch die extrem hohe Armutsquote von Alleinerziehenden ist nur logisch, wenn statt eines Ehepartners im Falle von Erwerbslosigkeit oder Teilzeitarbeit „Vater Staat“ als Partner zur wirtschaftlichen Absicherung einspringen muß:

OECD-A26

aus: Statistisches Bundesamt. Sozialberichterstattung. Armut und soziale Ausgrenzung

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Bemerkenswert bleibt dabei auch, daß die verläßlich organisierte Solidarität des Sozialstaates (z.B. bei der Rentenversicherung) eines der höchsten Gemeinschaftsgüter ist – auf der persönlichen Ebene jedoch nicht länger förderungswürdig zu sein scheint.

 

Zum Thema siehe auch:

 


1) Abgabenbelastung für Alleinverdiener-Familien, Deutschland im Vergleich mit ausgewählten OECD-Staaten OECD-A1

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2) Abgabenbelastung für Zuverdiener-Familien, Deutschland im Vergleich mit ausgewählten OECD-Staaten

 

 

 

Veröffentlicht von admin

Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit

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