Der Ausbau der Ganztagsschulen verlangsamt sich! – warnt die Bertelsmann Stiftung in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme (HPL). Derzeit fehlten rund 2,8 Millionen Ganztagsplätze, um der Nachfrage von Eltern zu genügen. Damit bleibe ein großes Potential zur Förderung von Kindern und der Chancengerechtigkeit ungenutzt (HPL). Deshalb wiederholt die Stiftung ihre bekannte Forderung (vgl. zuletzt HBF-Infodienst 2013) nach einem flächendeckenden Ausbau verpflichtender Ganztagsschulen und der milliardenschweren Finanzierung dafür (HPL).
Allerdings bestätigen selbst die Zahlen der Bertelsmänner Zweifel am vermeintlichen Patenrezept „Mehr (echte) Ganztagsschulen = bessere Bildung“ (HPL). Darüber hinaus sind für den Erfolg in der Bildung wie im persönlichen Leben von Kindern ganz andere Stellschrauben ungleich wichtiger, wie die soeben vorgelegte Expertise eines hochkarätigen Wissenschaftsgremiums faktenreich verdeutlicht (HPL). Dieser Einschätzung kann die Wirtschaft dank einschlägiger Erfahrungen nur vorbehaltlos zustimmen (HPL). An diesem Handlungsfeld haben jedoch weder die tonangebenden Experten noch die Politik bislang größeres Interesse.
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HBF-VOLLTEXT
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Der Ausbau der Ganztagsschulen verlangsamt sich! – warnt die Bertelsmann Stiftung in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme. Derzeit fehlten rund 2,8 Millionen Ganztagsplätze, um der Nachfrage von Eltern zu genügen:
Geringerer Zuwachs an Ganztagsplätzen in Schulen seit 2009 / 2,8 Millionen Ganztagsplätze fehlen / Bertelsmann Stiftung spricht sich für Rechtsanspruch aus und fordert gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern
Der Ausbau der Ganztagsschule kommt in Deutschland nur langsam voran: Mit Hilfe des vier Milliarden schweren Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ wurden von 2003 bis 2009 pro Jahr rund 175.000 Ganztagsplätze geschaffen. Seit das Bundesprogramm ausgelaufen ist, kommen im Schnitt jährlich nur noch 104.000 Ganztagsschüler hinzu. Das belegt eine Studie des Essener Bildungsforschers Prof. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Derzeit geht jeder dritte Schüler (32,3 Prozent) ganztags zur Schule. Die Nachfrage ist allerdings deutlich höher: Bundesweit wünschen sich 70 Prozent aller Eltern einen Ganztagsplatz für ihr Kind (TNS Emnid/ JAKO-O 2012).
Die Lücke zwischen derzeitigem Ganztagsangebot und Elternwunsch beträgt damit rund 2,8 Millionen Ganztagsplätze.(…)
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HBF-Hintergrund
Zur Art und zum Umfang dieses elterlichen Wunsches – siehe HBF-Premium
Zur überraschenden Rolle von Erwerbsumfang und Wunsch nach der Ganztagsschule – siehe HBF-Premium
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Damit bleibe ein großes Potential zur Förderung von Kindern und der Chancengerechtigkeit ungenutzt. Deshalb wiederholt die Stiftung ihre bekannte Forderung (vgl. zuletzt HBF-Infodienst 05.08.13) nach einem flächendeckenden Ausbau verpflichtender Ganztagsschulen und der milliardenschweren Finanzierung dafür:
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„Der Ausbau der Ganztagsschulen muss beschleunigt werden, weil sie eine bessere individuelle Förderung aller Kinder und damit mehr Chancengerechtigkeit ermöglichen„, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Mit einem schnelleren Ausbau des Ganztagsunterrichts wäre außerdem die aktuelle Debatte um das acht- oder neunjährige Gymnasium überflüssig (…) Gebundene Ganztagsangebote, in denen der Nachmittagsunterricht für alle Schüler der jeweiligen Klasse verbindlich ist, nutzen lediglich 14,4 Prozent aller Schüler. Die gebundene Ganztagsschule ist diejenige Schulform, der Wissenschaftler besonders große Möglichkeiten beim sozialen und kognitiven Lernen zuschreiben. (….)
Die Studie unterstreicht, dass der Ausbau guter Ganztagsschulen zusätzliche Ressourcen benötigt. Um den Bedarf an Ganztagsplätzen zu decken und für 70 Prozent der Schüler – entsprechend der KMK-Definition von Ganztagsschulen – an drei Tagen ein siebenstündiges Ganztagsangebot in Verantwortung der Schule zu gewährleisten, fallen bereits jährlich zusätzliche Kosten von 1,7 Milliarden Euro für Lehrkräfte und pädagogisches Personal an. Die flächendeckende Ausweitung des gebundenen Ganztags für alle Schüler auf acht Stunden an allen fünf Schultagen, die aus Sicht der Bertelsmann Stiftung den pädagogisch besten Rahmen darstellen würde, erfordert sogar zusätzliche Mittel für qualifizierte Pädagogen in Höhe von jährlich knapp acht Milliarden Euro.
(aus: Bertelsmann PM 03.07.14)
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Allerdings bestätigen selbst die Zahlen der Bertelsmänner Zweifel am vermeintlichen Patenrezept „Mehr (echte) Ganztagsschulen = bessere Bildung“. So erzielen Baden-Württemberg und Bayern in Bildungsvergleichen stets Spitzenwerte – obwohl sie bislang das bundesweit geringste Angebot an Ganztagsschulen bieten:
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Zwischen den Bundesländern bestehen beim Ganztagsausbau – ohne Berücksichtigung der Hortbetreuung – deutliche Unterschiede. Im vergangenen Schuljahr gingen in Sachsen 79,1 Prozent, in Hamburg 61,7 Prozent der Schüler ganztags zur Schule, in Baden-Württemberg hingegen waren es 18,9, in Bayern sogar nur 12,4 Prozent.
(aus: ebda.)
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Darüber hinaus sind für den Erfolg in der Bildung wie im persönlichen Leben von Kindern ganz andere Stellschrauben ungleich wichtiger, wie die soeben vorgelegte Expertise eines hochkarätigen Wissenschaftsgremiums faktenreich verdeutlicht. In ihrer gestrigen Stellungnahme „Frühkindliche Sozialisation“bestätigen die Spitzenforscher der Nationalakademie Leopoldina und weitere Wissenschaftsakademien nicht nur die lebensprägende Phase der frühen Kindheit….:
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Die Forschung aus Biologie, Psychologie, Soziologie und Ökonomie der letzten 50 Jahre hat gezeigt, dass insbesondere während der frühkindlichen Sozialisation die „Weichen“ für den gesamten weiteren Lebensweg gestellt werden. In den ersten Lebensjahren gibt es Zeitfenster, in denen bestimmte Umwelteinflüsse wirksam werden müssen, damit sich Funktionen adäquat herausbilden können. (….)
In der frühen Kindheit gibt es kritische und sensible Phasen, in denen zwingend bestimmte Umwelterfahrungen gemacht werden müssen. Nur dann können sich wichtige Strukturen des Nervensystems und die daran gekoppelten Verhaltensweisen in voller Ausprägung entwickeln. Werden diese kritischen Phasen nicht mit den erforderlichen Umwelteinflüssen „bedient“, so bleibt die neuronale Entwicklung unvollständig und bestimmte Verhaltensweisen können gar nicht oder nur mit Einschränkungen erworben werden.
Diese Defizite sind irreversibel. Sie bleiben ein Leben lang bestehen und können auch durch ein intensives Training in späteren Lebensphasen selten vollständig, manchmal gar nicht mehr ausgeglichen werden.
Aus der Lebensverlaufsperspektive ist es daher besonders sinnvoll, Bildungsinvestitionen für die frühe Kindheit bereitzustellen. (…)
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(aus: Stellungnahme „Frühkindliche Sozialisation“.Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina | www.leopoldina.org acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften | www.acatech.de Union der deutschen Akademien der Wissenschaften | www.akademienunion.de. Juli 2014 – Die Stellungnahme HIER als pdf-Datei, S. 4, S. 8)
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…., sondern heben die Entwicklung emotionaler Stabilität als Grundvoraussetzung zur Entfaltung des gesamten kognitiven und sozialen Potentials eines Menschen hervor und damit für seinen späteren Erfolg in der Schule, im Beruf und im Privatleben:
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Selbstregulation im Sinne von Impuls-, Selbst- und Verhaltenskontrolle oder Selbstdisziplin gehört zu den nachweislich relevanten und prognostisch validen Kompetenzen für den längerfristigen Entwicklungs- und Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. (….)
Selbstregulation ist nicht nur relevant für die Steuerung des emotionalen und sozialen Verhaltens, sondern sie ist auch eine wichtige Voraussetzung für langfristigen Schulerfolg. Kinder und Jugendliche, die ihre Emotionen so regulieren können, dass dies den sozialen Anforderungen entspricht, erweisen sich nicht nur als sozial kompetenter und beliebter, sie zeigen oftmals auch bessere kognitive Leistungen.(….)
(….)
In Längsschnittstudien wurde wiederholt nachgewiesen, dass erfolgreiche Selbstregulation in der Kindheit für den späteren Bildungserfolg von großer Bedeutung ist, ebenso für Gesundheits- und Risikoverhalten in der weiteren Lebensspanne.
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(aus: ebda. S. 65f, S. 68)
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Diese zentrale Fähigkeit zur Selbstregulation entstehe nur durch den Aufbau einer sicheren Bindung i.d.R. zu den Eltern:
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Entscheidend für die Entwicklung sozial-emotionaler und motivatio-nal-volitionaler Kompetenzen ist die Ausbildung einer sicheren Bindung an Bezugspersonen in der frühen Kindheit. In der Regel sind dies die Eltern in einem stabilen Familienverband.
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(aus: ebda. S. 71)
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Die Spitzenforscher nennen zudem ein (plausibles) Kriterium, an dem sich nicht nur der persönliche Reifegrad eines Kleinkindes messen läßt; es dürfte auch als Entscheidungshilfe für die Nutzung von unterstützender Fremdbetreuung sehr hilfreich sein (HBF-Premium)…
Nicht weniger lesenswert ist, was die Akademien als wichtigsten Störfkator bei der Ausbildung einer sicheren Bindung ausmachen (HBF-Premium)…
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Die wissenschaftliche Erkenntnis von der Fähigkeit zur Selbstregulation bzw. der emotionalen Stabilität als Basis des persönlichen Erfolgs im Leben und im Beruf kann die Wirtschaft dank einschlägiger Erfahrungen nur vorbehaltlos zustimmen (HBF-Premium)…
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Am fundamentalen Handlungsfeld „Ausbildung einer sicheren Bindung zu den Eltern“ haben jedoch weder die tonangebenden Experten noch die Politik bislang größeres Interesse – stattdessen setzen sie ihre Hoffnung auf die fortschreitende Institutionalisierung der Kindheit, wie die Bertelsmann Stiftung mit ihrem gestrigen „Ganztagsschul-Alarm“ nur exemplarisch vorführt.